Ev. Brüdergemeinde KorntalDiakonieG.W. Hoffmann-WerkSpendenInfos/Stellen
Portal Ev. Brüdergemeinde Korntal Aktuell Nachrichten
Gemeindearbeit
 
 
 



19.10.2015 14:39

Die Pietisten waren die eigentlichen Revoluzzer im Land

Die Jahrestagung des Herrnhuter Geschichtsvereins fand erstmals in Korntal statt


Tagten erstmals in Korntal: Die Mitglieder des Vereins für „Geschichte und Gegenwartsfragen der Herrnhuter Brüdergemeine“ im Großen Saal der Evangelischen Brüdergemeinde.

K o r n t a l / 19. Oktober 2015 – Von wegen „die Stillen im Lande“: Die Pietisten in Württemberg waren keineswegs immer so staatstragend, wie sie heute scheinen. Vielmehr war der Pietismus als eine innerkirchliche Reformbewegung eine Bewegung der einfachen Leute, die sich vielerorts gegen staatliche Zwangsauflagen wie der unter Napoleon eingeführten Wehrpflicht in den neuen Königreichen stellte. Viele Pietisten sahen nur in der Auswanderung eine Möglichkeit, den neuen Landesfürsten zu entgehen. Die Gründer der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal versuchten hingegen den Spagat.

Der separatistische Pietismus war vielfach geprägt von den einfachen Leuten: Bauern, Soldaten, Handwerkern und Laienpredigern, die sich in kleinen Gruppen trafen, um das Wort Gottes auszulegen. Hier zählte nicht der Stand, hier zählte die geistliche Kompetenz, wie Dr. Joachim Trautwein auf der Jahrestagung des Geschichtsvereins „Unitas fratrum“ der Herrnhuter Brüdergemeine erläuterte, die erstmals in Korntal stattfand. Sein Vortrag war der Verbindung der Herrnhuter mit anderen pietistischen Gruppen gewidmet, während Dr. Hermann Ehmer sich die Auswanderungsbewegung aus Württemberg vornahm.

Gegen Kirche und Staat

Die pietistischen Zirkel fanden rasch Zulauf. Ihr Selbstverständnis war geprägt von der lutherischen „Freiheit eines Christenmenschen“ – ein zunehmendes Problem für die Staatskirche wie für den König selbst. Denn für die religiösen Freidenker war die Bibel heilig und sie ließen sich deshalb weder an kirchliche noch an staatliche Ketten legen. Sie lehnten Taufe, Konfirmation und Gottesdienstordnungen ab und wollten sich auch nicht als willfährige Diener des Staates, des Vorboten der Endzeit, sehen, die sich als Soldaten einziehen ließen. Während die evangelische Kirche im Herzogtum Württemberg ihr Verhältnis zu den Pietisten im so genannten „Pietisten-Reskript“ bereits 1743 regelte, blieb das Verhältnis der Frommen im Lande besonders im Europa Napoleons angespannt.

Zugeständnis des Königs
Bereits um 1800 gab es die ersten religiös begründeten Auswanderungen separatistischer Pietisten nach Amerika, später ins Heilige Land und nach Russland – mit mehr oder weniger Erfolg. In Amerika wurden mehrere Siedlungen gegründet (auf Grundlage des später auch in Korntal praktizierten Gemeinschaftseigentums), in der Kaukasusregion gab es bis zum Zweiten Weltkrieg von württembergischen Pietisten gegründete Ortschaften. Die Gründer Korntals um Gottlieb Wilhelm Hoffmann glaubten zwar auch, die politischen Verhältnisse als Zeichen der Endzeit deuten zu können. Bis es soweit war, setzten sie allerdings auf eine vertraglich geregelte Koexistenz mit Staat und Kirche, um der – vor allem wirtschaftlicher Not gehorchenden – Auswanderungswelle entgegenzuwirken. Diese besteht in angepasster Form bis heute fort. 1819 durften die Pietisten schließlich ihre Siedlung mit umfassenden religiösen und bürgerlichen Sonderrechten gründen. Ein Zugeständnis des Königs, denn dafür blieben seine Bürger im Land – und, wie sich in der weiteren geistlichen wie diakonischen Geschichte Korntals zeigen sollte, eine Stütze für den evangelischen Glauben in Württemberg.

Mehr zum Verein „Unitas Fratrum“ der Herrnhuter Brüdergemeine: www.unitas-fratrum.de

Mehr zur Evangelischen Brüdergemeinde Korntal: www.bruedergemeinde-korntal.de