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05.02.2016 18:23

„Jetzt zügig auf dem Fundament aufbauen“

Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal beschließt im Rahmen der Aufarbeitung freiwillige Hilfen bis zu je 5.000 Euro und stellt weitere Planungen zum Gesamtprojekt vor



K o r n t a l / 05. Februar 2016 – Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal hat wichtige Entscheidungen für die Umsetzung der Aufarbeitung der Heimerziehung in ihren Kinderheimen in den 1950er bis in die 1990er Jahre gefasst. Dazu zählt die Bereitschaft, im Rahmen der Aufarbeitung freiwillige Hilfen bis zu je 5.000 Euro zu zahlen sowie die Beauftragung der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Heimgeschichte.

Nach der Konzeptionierung des Gesamtprojekts in einer Steuerungsgruppe zusammen mit ehemaligen Heimkindern und der unabhängigen Wissenschaftlerin Prof. Dr. Mechthild Wolff müsse zügig auf dem vorhandenen, sehr stabilen Fundament des Projekts aufgebaut werden, so der Vorsteher des Brüdergemeindewerks, Klaus Andersen. Insbesondere die gemeinsam verabschiedeten Teilprojekte „Anerkennung von Leid und Hilfe“ und die wissenschaftliche Aufarbeitung der Heimerziehung sollten nun rasch in Angriff genommen werden, sagte er. „Wir müssen jetzt die nächsten Schritte konsequent gehen, so wie wir es in der Steuerungsgruppe gemeinsam mit ehemaligen Heimkindern vereinbart haben“, so Klaus Andersen. Im Einzelnen hat die Evangelische Brüdergemeinde folgende Entschlüsse gefasst:

Anerkennung von Leid und Hilfe: Als freiwillige Leistung in verjährten Fällen wird die Evangelische Brüdergemeinde den Opfern sexueller, physischer und psychischer Gewalt in ihren Kinderheimen bis zu 5.000 Euro zur Anerkennung ihres Leids zukommen lassen. Das dazugehörige Antragsverfahren und der Entscheidungsprozess bis zur Bewilligung wird im zuständigen Teilprojekt „Anerkennung von Leid und Hilfe“ zusammen mit ehemaligen Heimkindern ausgehandelt werden. Die Höhe des Betrags orientiert sich an vergleichbaren Leistungen anderer Institutionen. Spätestens im dritten Quartal 2016 soll das Verfahren stehen, so die Planung der Brüdergemeinde.
Statement Klaus Andersen: „Nach vielen Monaten, in denen wir vergeblich versucht haben, uns an das bestehende Prozedere einer Stiftung oder eines Fonds mit vorhandenen Beantragungs- und Entscheidungswegen anzuhängen, wollen wir nicht länger warten. In dieser wichtigen Frage müssen wir nun einen neuen Impuls setzen und damit zeigen, dass wir unsere moralische Verantwortung für die Geschehnisse annehmen. Wir handeln zudem in der wirtschaftlichen Verantwortung für unser Werk. Wir haben immer gesagt: ‚Wir investieren im Rahmen unserer Möglichkeiten‘. Das setzen wir jetzt in die Tat um.“

Wissenschaftliche Aufarbeitung: Die zuständigen Gremien der Evangelischen Brüdergemeinde haben im Februar 2016 beschlossen, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung beauftragt wird. Ein interdisziplinärer Forschungsverbund aus Sozial- und Rechtswissenschaftlerinnen unter der Leitung von Prof. Dr. Mechthild Wolff wird das Ausmaß persönlichen und institutionellen Versagens beleuchten und fragen, wie es zu Fehlentscheidungen im System der Heimerziehung kommen konnte. Des Weiteren erfolgt eine straf-, dienst- und jugendhilferechtliche Bewertung der Missbrauchsfälle unabhängig von einer bereits eingetretenen strafrechtlichen Verjährung. Die Daten für die wissenschaftliche Aufarbeitung werden mittels Interviews erhoben. Die Forschungsergebnisse sollen dokumentiert und von der Brüdergemeinde veröffentlicht werden. Die dafür vorgesehene Meldestelle wird laut Prof. Wolff im März ihre Arbeit aufnehmen.

Statement Klaus Andersen: „Dieses Projekt ist das Herzstück unserer Aufarbeitung. Hier soll alles auf den Tisch kommen. Das ist eine Forderung, die wir mit ehemaligen Heimkindern teilen. Für sie aber auch für uns als Institution ist es wichtig, Schuld und Versagen sowie systemische Einflüsse auf die Heimerziehung damals öffentlich festzustellen. So wird dieses wissenschaftliche Teilprojekt bereits ein Teil der Anerkennung des Leids der betroffenen ehemaligen Heimkinder.“

Organisation des Gesamtprozesses: Die Evangelische Brüdergemeinde ist der Überzeugung, dass die von der ehemaligen Steuerungsgruppe verabschiedeten Teilprojekte eine übergeordnete Informations- und Abstimmungsrunde unter der Leitung von Frau Prof. Wolff brauchen. Deshalb bringt sie den Vorschlag einer Koordinierungsrunde ein, die aus den noch zu benennenden Leitern der fünf Teilprojekte, drei ehemaligen Heimkindern sowie drei Vertretern der Evangelischen Brüdergemeinde zusammengesetzt sein könnte. Die Koordinierungsrunde könnte auch einem „äußeren Zuhörerkreis“ zugänglich gemacht werden. Die Aufgabe der Koordinierungsrunde soll es sein, als „Soundingboard“ zu fungieren, das Arbeitsberichte aus den Teilprojekten entgegennimmt und diskutiert, um eine Plattform für den regelmäßigen kommunikativen Austausch zwischen den Teilprojekten zu ermöglichen. Die Koordinierungsrunde berät über die Dokumentation des Erarbeiteten und übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit des Gesamtprojekts. Sprecherin sollte nach Ansicht der Brüdergemeinde Frau Prof. Wolff werden.

Statement Klaus Andersen: „Wir gehen davon aus, dass Frau Wolff die Rolle der Sprecherin der Koordinierungsrunde übernehmen wird. Als Architektin des Gesamtprozesses gibt es niemanden, der diese wichtige Position besser ausfüllen könnte als sie.“

Vorantreiben möchte die Evangelische Brüdergemeinde zudem die Teilprojekte „Geistliche Aufarbeitung“ und „Schutz und Prävention“. „Ein ‚nie wieder‘ steht über beiden Teilprojekten“, so Klaus Andersen. „Mit den gewonnenen Erkenntnissen werden wir unsere vorhandenen Präventions- und Handlungskonzepte in der Jugendhilfe überarbeiten und auf das Gesamtwerk ausdehnen. Gespannt sind wir zudem auf die Erfahrungen ehemaliger Heimkinder, die in diesen Teilprojekten mitarbeiten. Ohne diese Erfahrungsberichte werden wir keine wirksamen Schlussfolgerungen aus den Ereignissen ziehen können. Vielleicht gelingt es uns am Ende des Projekts „Geistliche Aufarbeitung“ sogar, ein gemeinsames geistliches Versöhnungszeichen zu setzen. Das wünschen wir uns sehr!“

Zum Vorschlag von Detlev Zander, den Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber als „Chefaufklärer“ einzusetzen, sagte Klaus Andersen: „Grundsätzlich ist die Stelle der Leitung des Gesamtprojekts aus unserer Sicht nicht vakant. Das ist weiterhin Frau Wolff. Aus dem fertig konzeptionierten und am 31.10.2015 von den Wissenschaftlerinnen selbst ehemaligen Heimkindern vorgestellten wissenschaftlichen Projekt geht ebenso klar die juristische Komponente mit zwei Rechtsanwältinnen hervor. Dieser Bereich ist also sehr gut abgedeckt, doppelte Arbeit ist folglich nicht nötig. Was die Gesamtleitung des Projektes angeht, so könnten wir mit der übergeordneten Koordinierungsrunde mit Frau Wolff als Sprecherin Vorkehrungen treffen, dass die Aufarbeitung ihr Ziel und ihre Dynamik behält. “

Klaus Andersen: „Es gibt für eine Aufarbeitung dieser Art keine Blaupause für Organisationen, denen solch schwere Vorwürfe gemacht werden. Alle Beteiligten haben im ersten Jahr Zeit gebraucht, um den Umgang miteinander immer wieder einzuüben, Vertrauen aufzubauen und um gemeinsame Entscheidungen zu ringen. Was auf einer langen Wegstrecke einer Aufarbeitung noch alles passieren wird, können wir nicht übersehen. Aber wir wollen die weiteren Schritte beherzt angehen.“

Im Nachgang zu unserer heutigen Pressekonferenz mit Klaus Andersen hier noch einmal die fünf Grundsatzpunkte unserer Aufarbeitung:

o Unabhängige Aufarbeitung: Wir wollen, dass alles auf den Tisch kommt.
o Alle beteiligen: Wir wollen auch unsere ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrer damaligen Zeit und mit den Anforderungen ihrer Arbeitsbedingungen verstehen lernen, um die Vorwürfe besser einordnen zu können.
o Anerkennung und freiwillige Hilfe: Wir investieren – im Rahmen unserer Möglichkeiten.
o Dokumentation: Wir stehen für eine ehrliche Entschuldigung.
o Niemals wieder: Wir denken über den Tag hinaus und werde unsere Schutz- und Handlungskonzepte im Licht der Erkenntnisse der Aufarbeitung weiterentwickeln.

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