03.07.2017 17:24

„Zucht und Ordnung - Heimerziehung in den 1950er und 60er Jahren“:

Vortrag von Prof. Hafeneger stößt auf lebhaftes Interesse


Mehr als 200 Teilnehmer waren zum Vortrag von Prof. Dr. Benno Hafeneger am 19. Juni 2017 nach Korntal gekommen. Auf Initiative der Evangelischen Brüdergemeinde beleuchtete der Erziehungswissenschaftler zeitgeschichtliche Hintergründe der Heimerziehung im Deutschland der 1950er und 60er Jahre.

 

Konstruktiver Beitrag zur Aufarbeitung

 

„Mit diesem ersten von insgesamt drei Themenabenden wollen wir einen konstruktiven Beitrag zur öffentlichen Auseinandersetzung mit der Situation in Korntal leisten“, sagte der Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen. „Besonders freue ich mich, auch ehemalige Heimkinder, frühere und derzeitige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen der Brüdergemeinde, Vertreter der Medien und Korntaler Bürger begrüßen zu können“, so Andersen vor den zahlreichen Besuchern im fast bis auf den letzten Platz besetzten Gemeindezentrum.

 

Untersuchungsergebnisse werden zu gegebener Zeit präsentiert

 

Vor einem aufmerksamen Publikum betonte der renommierte Jugendforscher Prof. Hafeneger von der Universität Marburg, dass er in seinen Ausführungen nicht direkt auf die Situation in der Brüdergemeinde eingehen werde. Zusammen mit der Juristin Dr. Brigitte Baums-Stammberger hat der Wissenschaftler gerade damit begonnen, die Vorfälle in Einrichtungen in Korntal und Wilhelmsdorf zu untersuchen. Über Ergebnisse dieses unabhängigen Aufklärungsprozesses könne mit dem geplanten Abschlussbericht berichtet werden, stellte Hafeneger in Aussicht.

 

„Schwarze Pädagogik“ herrschte in der Heimerziehung vor

 

Ausführlich erläuterte der Pädagogik-Professor, welche traumatischen Auswirkungen die vorherrschende „schwarze Pädagogik“ in den drei Jahrzehnten nach Ende des 2. Weltkrieges für damalige Heimkinder zweifellos hatte: „Unter heute unvorstellbaren Bedingungen verbrachten hunderttausende Heimzöglinge ihre Kindheit in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen. Manche wurden jahrelang gedemüdigt, geschlagen, zur Strafe eingesperrt, ausgebeutet und missbraucht.“ Mit dem Zwischen- und Abschlussbericht des vom Deutschen Bundestag eingesetzten Runden Tisches „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ liegen mittlerweile zahlreiche weitere Schilderungen vor, die über die dramatischen Verhältnisse in vielen Heimen, Internaten und Schulen der damaligen Bundesrepublik berichten.

 

Auch aufbauende Heimerfahrungen gab es

 

„Für alle Einrichtungen in dieser Zeit ist ein durchgängiges Grundmuster auszumachen: Im Kern waren sie von autoritären, kontrollierenden und strafenden, von Unterordnung und Anpassung geprägten und mit „Zucht und Ordnung“ verbundenen Strukturen geprägt“, erläuterte Hafeneger. Allerdings, so der Wissenschaftler, „herrschte nicht in allen Heimen ein Gewaltregime. Nicht alle Kinder und Jugendlichen haben Leid, Unrecht und Gewalt erlebt, und nicht alle Erzieherinnen und Erzieher waren gewalttätig.“ Hafeneger betonte, dass es in dem vielschichtigen Feld der Heimerziehung durchaus auch die andere Seite von Pädagogik gab, „die positive Erfahrungen gelungener Sozialisation, gute Begleitung und eine fürsorgliche Erziehung und Beziehung ermöglicht hat.“

 

Engagierte Diskussion über eigene Erfahrungen

 

In der anschließenden Diskussion meldeten sich zahlreiche Zuhörer zu Wort. In ihren Beiträgen vermittelten sie ein differenziertes Bild eigener Erziehungserfahrungen. So habe es „Zucht und Ordnung“ und die selbstverständliche Mitarbeit auf dem Feld oder zuhause durchaus auch in „normalen Familien“ gegeben. Ein ehemaliges Heimkind schilderte, dass es zwar sehr wohl ein Stigma gewesen sei, aus dem Heim zu kommen. Gewalt und Demütigung habe sie selbst aber nicht erlebt.

 

Aufarbeitung braucht Zeit

 

Zur Frage, warum viele Betroffenen erst nach Jahrzehnten über ihre traumatischen Erlebnisse sprechen könnten, zitierte Hafeneger Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Forschung: Vielfach sei es nötig, dass schmerzhafte Erlebnisse erst von neuen Erfahrungen abgelöst und ersetzt werden müssten. „Das braucht einfach Zeit. Das kann man nicht erzwingen.“ 

 

 

Die Korntaler Vortragsreihe wird fortgesetzt:

 

17. Oktober 2017: Ulrich Giesekus (Psychologie-Professor, Freudenstadt) zum Thema: „Verletzte Kinderseelen heilen: Wenn der Schmerz nicht aufhört“

 

22. Januar 2018: Pater Klaus Mertes SJ (Schulleiter, St. Blasien) zum Thema: „Warum hat niemand davon geredet? Trauma und die Rolle von Institutionen“