01.02.2018 14:10

„Über das Ungeheuerliche muss man reden“


Die Rolle von Institutionen bei der Entstehung und Verarbeitung von traumatisierenden Erfahrungen beleuchtete Pater Klaus Mertes im dritten Referat der Korntaler Vortragsreihe „Aufarbeitung Heimerziehung“ am 22. Januar 2018 in Korntal. Rund 120 Zuhörerinnen und Zuhörern waren ins Gemeindezentrum der Evangelischen Brüdergemeinde gekommen, um den ehemaligen Rektor des Berliner Canisius-Kollegs und heutigen Direktor des Kollegs St. Blasien zu hören und mit ihm über seine Ausführungen zu diskutieren.

Klaus Mertes hatte 2010 durch einen bewussten Schritt an die Öffentlichkeit die Missbrauchsfälle an seiner eigenen Bildungseinrichtung erst thematisiert und in der Folge den gesamten Aufarbeitungsprozess auch geleitet.


Der wichtigste Satz: „Ich glaube euch“

Den Stein ins Rollen gebracht hatten drei Männer, die Mertes in seinem Berliner Büro aufgesucht und mit massiven Anschuldigungen gegenüber Kollegen und Leitungspersonen konfrontiert hatten. In persönlichen Worten schilderte Mertes vor dem Korntaler Publikum seine eigene Betroffenheit in dieser Situation. „Der entscheidende Satz gegenüber den Männern kam spontan, intuitiv und aus ehrlichem Herzen: Ich glaube euch. Diese Haltung einer unvoreingenommenen Offenheit machte es möglich, dass wir trotz der ungeheuerlichen Geschehnisse ins Gespräch kamen und während des Aufarbeitungsprozesses auch im Gespräch blieben“, so Mertes.

 

Der Schmerz bleibt - bei allen Beteiligten

Wie schmerzlich seine eigene Schule als „traumatisierte Institution“ reagierte, berichtete Mertes anschaulich: „Als am Morgen des 29. Januar 2010 mein Brief an die ehemaligen Schüler der potentiell betroffenen Jahrgänge in der Berliner Morgenpost erschien, brach eine Kollegin im Lehrerkollegium mit dem Ruf auf den Lippen zusammen: „Was tut Pater Mertes uns an!“ Auch für die Schülerinnen und Schüler des Jahres 2010 war es ein großer Schmerz, durch die Stadt zu gehen und die eigene Schule auf der ersten Seite der Zeitung mit dem Stigma „Schule des Grauens“ versehen zu sehen.“ Dass die traumatisierenden Auswirkungen des Missbrauchs Schutzbefohlener in seiner Bildungseinrichtung dennoch durch nichts zu kleinzureden sind, machte Mertes ebenso deutlich wie die Tatsache, „dass es Dinge gibt, die noch wichtiger sind als das Image der Institution.“ Mit dieser uneingeschränkten Bereitschaft, Licht ins Dunkel zu bringen, „machte ich mir auch in meinem eigenen katholischen Umfeld nicht nur Freunde“, gab der Jesuitenpater und Pädagoge unumwunden zu.

 

Dinge beim Namen nennen ermöglicht Heilung

In der anschließenden Diskussion mit Besuchern, Mitgliedern der Brüdergemeinde, ehemaligen und derzeitigen Mitarbeitenden der diakonischen Einrichtungen sowie ehemaligen Heimkindern und Betroffenen aus Korntal und Umgebung unterstrich Mertes noch einmal: Bei allem Schmerz und aller Traumatisierung, die eine Einrichtung durch ihr institutionelles Versagen zu verantworten hat, ist die wichtigste Voraussetzung für eine gelingende Aufarbeitung die aufrichtige Bereitschaft aller Beteiligten zum Gespräch. Dazu Mertes: „Die Wahrheit tut weh, den Opfern wie der Institution. Aber Heilung und Gerechtigkeit können nur geschehen, wenn Dinge an- und ausgesprochen werden.“


Brüdergemeinde will umfassend aufklären

Für die gastgebende Brüdergemeinde erklärte der weltliche Vorsteher Klaus Andersen: „Wir befinden uns auf dem Weg der konsequenten Aufklärung von Missbrauchsfällen in unserer eigenen Einrichtung. In diesem Prozess wollen wir durch umfassende Information der Öffentlichkeit auch zu einer Einordnung des Themas in einen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang beitragen. Im seinem persönlich engagierten und fachlich fundierten Beitrag ist es Pater Mertes gelungen, differenziert zu beleuchten, welche Dynamik der Entstehung und der Bearbeitung von Traumata in einer Institution zugrunde liegt. Die angeregte Diskussion hat gezeigt, dass auch dieser dritte Vortrag in der Korntaler Vortragsreihe „Aufarbeitung Heimerziehung“ zur einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Thema beitragen konnte.“


In den bisherigen Referaten sprachen Pädagogik-Professor Benno Hafeneger zum Thema „Heimerziehung in den 1950er und 60er Jahren“ und Psychologie-Professor Ulrich Giesekus zum Thema „Verletzungen der Kindheit bewältigen“.

Zum Download:
Leitet Herunterladen der Datei einVortrag von P. Klaus Mertes am 22. Januar 2018 in Korntal (mp3-Datei) (12MB)
Leitet Herunterladen der Datei einVortragsmanuskript von P. Klaus Mertes vom 22. Januar 2018 in Korntal (pdf-Dokument)