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Von: Ulrich Mack
12.02.2017 10:00

Thema: "Die Bibel."

(Geistliche Übungen für den Alltag) Hebräer 4, 12-13 06/17



„Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt“ – stimmt das? Das Thema des Gottesdiens-tes „Geistliche Übungen für den Alltag – die Bibel“ ist aktuell: „Sola scriptura“ lautet eines der Grundworte der Reformation. Im Reformationsjubiläumsjahr können wir hoffen und wünschen, dass die Bibel wieder ei-ne neue Aufmerksamkeit bekommt in unserem Land. Erfreulicherweise ist die Revision der Lutherbibel rechtzeitig auf den Markt gekommen. Sie soll nicht einfach als „literarisches Kulturgut“ gelobt, sondern ge-lesen werden – hörend, glaubend, offen für Gott. Warum eigentlich? Was ist das Besondere an der Bibel? Das zeigt der Predigttext:

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Hebräer 4,12-13)

Liebe Schwestern und Brüder,
wie ist das mit dem Wort? Mit unseren Worten und mit dem, was wir „Gottes Wort“ nennen? Vielleicht er-innern Sie sich an Goethe. Er lässt in seinem Drama den Dr. Faust die Zeile aus dem Johannesevangelium Am Anfang war das Wort lesen und dann sagen: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen.“
Wie hoch schätzen Sie das Wort?
Manchmal, bei Reden von Politikern oder in Talkrunden im Fernsehen sagen viele Leute schnell: Das sind doch alles nur Worte. Sie meinen damit: Wir leben in einer Welt voller Worte, leerer Worte oft – von mor-gens bis abends. Worte, die wir hören, die wir lesen, die wir selber den langen Tag über sagen. Ein schlauer Zeitgenosse hat ausgerechnet, dass ein Mensch durchschnittlich pro Tag etwa 16.000 Wörter redet, Frauen ein bisschen mehr als Männer, aber wirklich nur ein bisschen. Manche sagen: wir leben in einer Inflation der Wörter. Hat Goethes Faust also recht: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen“?
Nein, hat er nicht. Er merkt es im Lauf des Dramas auch selber, und wir wissen es auch: Es gibt Worte, die eine gewaltige Wirkung haben.
Beurteilungen und Zeugnisse in der Schule zum Beispiel. Im Abi eine 1 – das zieht. Anders, wenn jemand vom Chef hört: „Du bist ein Versager“ – das sitzt, manchmal ein Leben lang.
Wenn ein Richter am Ende eines Prozesses das Urteil verkündet – das gilt, ob drei Jahre Gefängnis oder Freispruch.
Und wenn eine junge Teenie ihrem Lover ins Ohr flötet: „Ich liebe dich“, dann fliegt das bei ihm nicht zum andern Ohr wieder raus, sondern das dringt tief ein, von den Haar¬wurzeln bis zu den Zehenspitzen. Solch einen Satz vergisst man nicht, und kein verliebter Jüngling würde auf die Idee kommen, der liebeser-klärenden Freundin zu antworten: „Ich kann dein Wort so hoch unmöglich schätzen“, sondern er wird sagen: Dein liebendes Wort ist mir ein und alles, und es packt mich in der Seele und im Denken und bis auf die Knochen.
Genau so meint es der Hebräerbrief. Nun redet der nicht vom schulischen Zeugniswort, er redet nicht vom mensch¬lichen Richterwort, er redet nicht vom schmachtenden Liebeswort.
Er redet von Gottes Wort. Und er will zeigen: Dieses Wort, von höchster Instanz gesprochen, hat noch viel mehr Wirkung, viel mehr Kraft. Gottes Wort ist kräftig, schreibt er; im Griechischen steht hier: energes, also voller Energie kommt es zu uns.
Schon ganz am Anfang, in der Schöpfung, ist es Gottes Wort, das vor allen Dingen Leben schafft: Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. So beginnt unsere Welt – aus Gottes Wort heraus.
Ganz am Ende der Bibel, in der Offenbarung, Kapitel 21,5, blickt der Seher Johannes in das himmlische Jerusalem. Und wieder ist es das Wort dessen, der auf dem Thron sitzt: Siehe, ich mache alles neu.
Zwischen Anfang und Ende leben wir, und Gottes Wort will mit seiner Kraft, seiner Energie zu uns kommen.
Das haben Propheten erfahren, Jesaja, Jeremia und andere, wenn Gott sie gerufen hat. Das hat der Gelähmte erlebt, den Freunde in Kaper-naum durch die Dachluke runterließen. Er hörte Jesus sagen: Dir sind deine Sünden vergeben – und weil dieses Wort gilt, darum: Steh auf und geh, und er konnte neu stehen und neu gehen.
Gottes kräftiges Wort. Zu uns kommt es in der Bibel. Gottes Wort in Menschenwort gegeben, vom Heiligen Geist gehalten und getrieben. Evangelium ist zugesagtes Wort mit Wirkkraft. Es sagt uns zu, auch jetzt an diesem Morgen: Du bist erlöst, geliebt, befreit, auch wenn noch so vieles in dir NEIN schreit – Gottes JA gilt, das Wort, das er in Jesus gesprochen hat. Viele von uns könnten jetzt erzählen, wie ein Satz oder ein Ab-schnitt aus der Bibel sie begleitet hat, getröstet, aufgerichtet. Gottes Wort – es ist die „Kunde“ unseres Glaubens, damit die „Ur-Kunde“ der Kirche des Jesus Christus.
Das Wort Gottes ist kräftig, schreibt der Hebräerbrief. Und weil es so kräftig ist, darum will es nicht einfach süß um unsere Ohren säuseln und dann verfliegen. Hören wir genauer hin. Das Wort Gottes ist scharf, heißt es da; es kommt geschliffen, nicht stumpf daher, es streichelt nicht nur äußerlich die Oberfläche unserer Seele, sondern es dringt tiefer, es schneidet, auch wenn uns das mal nicht gefällt.
Wir hören gern Gedanken, die uns gefallen und am liebsten auch solche, die uns bestätigen in unserem Meinen und Fühlen. An Weihnachten oder bei einer Hochzeit möchten wir schöne Worte empfan¬gen, fest-liche und wohlklingende. Die gibt es in der Bibel, und die dürfen wir auch hören und mitnehmen als Se-gensworte und Begleiter.
Aber es gibt auch die anderen. Der Hebräerbrief macht uns heute darauf aufmerksam, dass Gottes Wort nicht einfach ein süßer Zuckerguß über unserer erhabenen Gemütsverfassung an Festtagen ist. Sondern Gottes Wort ist kräftig auch an Alltagen, und es ist so kräftig, dass es uns manchmal einen Stich gibt. Im Text für heute steht: Es ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert, es dringt ein und dringt durch.
Vielleicht haben Sie das auch schon erlebt: Wie ein Bibelwort eine Wunde in uns trifft, uns „be-troffen“ macht. Gottes Wort ist, so hier auf Griechisch: ein kritikos; unser Wort kritisch kommt daher, im Ursinn be-deutet es: unterscheiden und auch abscheiden können.
Die Bibel berichtet ganz am Anfang: Gott, der Schöpfer, scheidet durch sein Wort Chaos und Ordnung, Licht und Finsternis, Nacht und Tag, Wasser und Land, Himmel und Erde. Solche Kraft hat sein Wort. Es ist ein gewaltiger kritikos.
Das will es auch in unserem Leben sein und in unserer Welt. So wie man bei einem fauligen Apfel mit einem Messer die ungenießbaren Stellen von den guten unterscheidet und die faulen abschneidet, so will Gottes Wort in uns eindringen in das Innere unseres Menschseins; es sieht dort unsere Gedanken und Sinne kritisch an; es trennt das Faule und Verdorbene; es unterscheidet heiligen von unheiligem Geist; es deckt auf, was vor Gott recht ist und was nicht. Dabei ist wichtig: Als Wort der Liebe ist Gottes Wort ein kritikos: Es bringt uns Gottes Barmherzigkeit, und damit hält es uns auch einen Spiegel vor, wo wir mit anderen ? und manchmal auch mit uns selbst ? unbarmherzig umgehen.
Es ist das Wort von der Vergebung. In dem Moment, in dem wir es hören und aufnehmen, macht es als Richter unserer Gedanken uns Mut, unsere Schuld wirklich als Schuld vor Gott und Mitmenschen zu erken-nen. So bewahrt uns Gottes Wort vor dauernder Flucht vor der Wahrheit und vor stammelnder Selbstrecht-fertigung.
Gottes Wort – das sind auch die Weisungen in den Zehn Geboten und in Jesu Bergpredigt. Sie lehren uns, zu unterscheiden
zwischen Lüge und Wahrheit,
zwischen Heuchelei und echter Frömmigkeit,
zwischen egoistischen Ängsten um den Wohlstand und einer christusgemäßen Freiheit.
Gottes Wort – ein kritikos, ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Der amerikanische Dichter Mark Twain hat etwas davon begriffen. Er war kein frommer Mann, aber er hat einmal gesagt: „Die meisten Menschen haben Schwierigkeiten mit den Bibelstellen, die sie nicht verstehen. Ich für meinen Teil muss zugeben, dass mich gerade die Bibelstellen beunruhigen, die ich verstehe.“
Der Hebräerbrief ist an Christen der zweiten und dritten Generation der Urgemeinde gerichtet. Bei denen stellte sich schon so was wie Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Wort ein. Darum macht der Briefschreiber Mut: Lasst Gottes Wort an euch nicht abgleiten wie Tropfen am Regenmantel. Sondern lebt damit. Holt täg-lich Kraft und Orientierung daraus. Die brauchen wir.
Am Tag der Bundespräsidentenwahl können wir uns an Johannes Rau erinnern. Er sagte einmal im Bundes-rat (noch als Ministerpräsident): "Meine Damen und Herren, man muss die Bibel lesen, damit man die Zei-tung versteht. Die Zeitung verwirrt einen, wenn man sie nicht liest auf der Basis dessen, was die Bibel an Menschenbild und an Zukunftsperspektive hat. Wenn man das aus dem Blick verliert, dann wird man, wie der Apostel Paulus sagt, hin und her getrieben vom Winde der Meinungen."
Und warum ist das so? Warum ist die Bibel eigentlich so wichtig? So fragen heute viele.
Das Neue Testament gibt seine Antwort: Weil in diesem Wort Jesus selber zu uns kommt, mehr noch: weil Jesus das Wort Gottes in Person ist. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, schreibt das Johannes-evangelium, Kapitel 1,14. Und wenn wir heute Jesus begegnen wollen, dann brauchen wir dazu die Bibel. Wir brauchen dazu auch seinen Heiligen Geist, der uns innerlich die Tür öffnet. Aber was durch diese Tür in uns hineinwill, ist Gottes Wort. Jesus selbst hat sich daran gebunden. Er hat gesagt: Wenn ihr bleiben wer-det an meinem Wort, dann seid ihr wirklich meine Jünger.
Was heißt da Bleiben an seinem Wort?
Es bedeutet: sich ganz bewusst immer wieder dafür zu öffnen, am besten jeden Tag. Man braucht dabei kein zwanghaftes Ritual, aber es ist gut, sich Momente anzugewöhnen, in denen man sich still für Gott öff-net und bittet: Jetzt rede du zu mir. Ob morgens beim Frühstück oder irgendwann sonst am Tag: wir brau-chen Zeiten des Hörens auf das, was Jesus uns zusagt und was er von uns will. Das hören - und zwar als das höhere und wichtigere Worte als alle anderen Worte, die an unser Ohr kommen. Das ist eine geistliche le-benslange Übung.
Vorhin sahen wir, welche menschlichen Worte es gibt, die in uns weiter wirken: das Zeugnis in der Schule oder vom Chef, das Urteil eines Richters, die Liebeserklärung. Manche Menschen tragen ein Leben lang an solchen Botschaften. Auch wenn etwa Eltern einem Kind gesagt haben: „Aus dir wird nie etwas“ oder „We-gen dir mussten wir heiraten“, dann können solche Worte ein ganzes Leben belasten und das Selbstbe-wusstsein negativ prägen.
Aber auch und gerade da gilt, dass Jesus in seinem Wort lebendig und kräftig und schärfer ist: das Wort, das uns zusagt: du bist geliebt – trotz allem! Du bist ein Kind Gottes und kannst vertrauen. Und wenn es hundert Mal in dir NEIN schreit, dann gilt trotz allem sein JA – und das ist lebendig und kräftig und schärfer.
Das heißt: Was Gott über unserem Leben sagt, gilt mehr als das, was Menschen über uns reden. Das Wort Gottes lehrt uns, wahrhaftig zu unterscheiden zwischen sinnvoller Kritik und übler Nachrede. Auch darin entfaltet Gottes Wort seine Kraft als kritikos.
So will uns Jesus als kräftiges Wort von innen her stärken und unsere Gedanken und Gefühle leiten, auch das, was wir über andere denken und sagen. Letztlich, so sagt der Hebräerbrief, letztlich ist es Gott, dem wir Rechenschaft geben müssen. Bis dahin will Jesus in seinem Wort mit uns sein.
Meine Hoffnung für das Reformationsjubiläum ist: dass die Bibel gerade bei uns Evangelischen nochmal ganz neu an Kraft und Bedeutung gewinnt. Manchmal beobachte ich bei anderen Konfessionen eine höhere Wertschätzung der Bibel als bei uns. Im katholischen Gottesdienst wird die Bibel am Anfang feierlich reingetragen. Kopten ziehen vor der Lesung des Evangeliums die Schuhe aus und setzen die Mitra (den geistlichen Hut) ab. Denn, so sagen sie: Die Bibel ist über uns, wir empfangen das Wort von oben.
Nun muss es uns nicht beim Bibellesen die Schuhe ausziehen. Aber einziehen soll Gottes Wort - fröhlich und kräftig. Damit wir dann eben anders als Dr. Faust sagen: Ich will dies Wort so hoch wie möglich schätzen.
Amen.








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