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Von: Pfr. Jochen Hägele
19.02.2017 10:00

Thema: "Der Sabbat."

(Geistliche Übungen für den Alltag) 07/17



Liebe Gemeinde,
„Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst.“
Ist solch ein Satz überhaupt noch zeitgemäß in unserer modernen und schnelllebigen Welt? Eine Welt, in der die Uhren doch ganz anders ticken, als in den Tagen des Alten Testaments. Und was bedeutet der Sonntag an-gesichts von Entwicklungen wie Globalisierung, Dienstleistungsgesellschaft, Wachstumsorientierung und an-derem mehr?
Dazu kommt die biblische Beobachtung, dass das vierte Gebot, anders als die meisten anderen Gebote, keine tiefe Verwurzelung und Unterstreichung im Neuen Testament hat. Nirgends wird es zitiert oder bestätigt. Je-sus antwortet auf die Forderung der Pharisäer, die Ruhe am Sabbat, mehrfach kritisch.
Jesus hat weder eine bestimmte Zeit noch einen besonderen Ort festgelegt, wann und wo wir Gott ehren sol-len. Als er mit der Frau am Jakobsbrunnen im Gespräch ist (Joh 4) zeigt er ihr, dass die richtige Anbetung Got-tes im Geist und in der Wahrheit geschieht – unabhängig vom Ort im Tempel in Jerusalem, und unabhängig vom Termin am Sabbat.
Als ob das nicht genug der Anfragen wäre, reiht sich Jesu Gesamtbewertung in diese kritische Sichtweise zum Sabbat noch ein: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats wil-len“ (Mk 2,27). Das war und bleibt eine Provokation.
Darum müssen wir die Frage stellen: Wie lösen wir dieses Dilemma zwischen alter Ordnung und neuer Bewertung auf? Gibt es eine christliche Neubewertung des Sabbats, die über das Gebot Gottes hinausgeht?
Unmittelbar schließt sich die Frage an: Welche Bedeutung kann der Sonntag für unser geistliches Leben be-kommen?
1. Der Sabbat – Gottes Geschenk an seine Schöpfung
Gott regelt unsere Zeit. Aber regelt nicht über Verbote, sondern über Geschenke. Denn Zeit ist sein Geschenk. Und der Ruhetag ist auch sein Geschenk an uns. Jeder fromme Jude würde dies sofort bestätigen. Denn im Ju-dentum lehrt man: Wer die Freude über den Sabbat nicht erlebt hat, der hat noch keine wirkliche Freude er-lebt.
Dazu fällt auf: Zwei der 10 Gebote aus dem 2. Mosebuch sind positiv formuliert (ohne ein „nicht“, ohne ein „kein“). Einer dieser beiden positiven Sätze ist eben das Sabbatgebot (daneben noch das 4. Gebot: Eltern eh-ren). Dies an sich sagt schon viel. Mit dem Sabbat und dann auch mit dem Sonntag verbietet uns Gott nicht bestimmte Dinge zu tun. Vielmehr schenkt er uns Zeit und Ruhe und Muße für wirklich Wichtiges. Gott er-möglicht Zeit – und er füllt Zeit mit heiligem Inhalt. Das hat Israel im Exil aber auch über die Jahrhunderte oh-ne eigenes Land erfahren: die Ordnung des Sabbats und seine strikte Einhaltung, auch unter ganz anderer kultureller Umgebung, diese Ordnung hab Israel als Volk bewahrt. Ohne Sabbat, ohne Beschneidung und oh-ne Synagoge wäre Israel als Volk längst im Gemisch der vielen Völker untergegangen.
a) Sabbat – Ruh dich aus!
Hinter dem Wort „Sabbat“ verbirgt sich das hebr. Verb „ruhen“. Damit ist der Sabbat der Tag des Ausruhens und des Aufatmens. Was aber heißt das dann konkret?
Wir dürfen aufhören mit unseren Arbeiten und mit unseren Tätigkeiten, die uns im Alltag beschäftigen. Gott sagt uns: Mach mal Pause. Und er hat es uns selbst vorgemacht. Gott ruhte am 7. Tag und er freute sich über seine vollkommene Schöpfung.
Nicht anders soll es bei uns sein: Der Sabbat lässt unsere Seele aufatmen. Wir bekommen im hektischen Ge-triebe eine Auszeit geschenkt. Und diese Auszeit ist auch dringend nötig, weil sich das Leben immer schneller um uns dreht und uns mitreißt. Das Sabbatgebot ist übrigens nicht nur den Menschen gegeben – auch für die Tiere und die Natur gilt es, sogar für das Land. So muss Israel in seiner Exilszeit die Sabbate nachholen, die es zuvor gottlos übergangen hat.
Der Sabbat fordert uns: Ruh dich aus! Atme auf! – und das gilt nicht nur für mich. Sondern auch für mein Um-feld.
Zu diesem ausruhen kommt auch das göttliche Geschenk, dass er seine Leute versorgt, gerade am Sabbat. Als Israel auf der Wüstenwanderung das Himmelsbrot Manna sammelte, da galt es für jeden Tag neu zu sammeln. Vorräte anzulegen war nicht möglich, denn Gott sorgte dafür, dass die Vorräte wurden schlecht wurden. Nur am Tag vor dem Sabbat konnte für zwei Tage Brot eingesammelt werden. Denn am Sabbat sollte Israel nicht vor der Sorge ums Dasein geprägt sein, sondern aus der Vorsorge Gottes leben. (2Mo 16,19)
b) Sabbat – erinnere dich an Gottes Wohltaten
Neben die Einladung, am Sabbat zu ruhen stellt Gott die Mahnung, sich am Sabbat zu erinnern. Im 5.Mosebuch werden die 10 Gebote noch einmal wiederholt. Direkt vor dem Schritt ins verheißene Land braucht es diese Fixierung. Dort wird – auch mit dem Blick zurück auf Gottes Leiten durch die Wüste – deutlich gesagt: „ denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgestrecktem Arm. Darum hat dir der Herr geboten, dass du den Sabbat halten sollst.“ (5Mo 5,15).
Der Sabbat ist Erinnerungszeit an Gottes Wohltaten, die er seinem Kindern und seiner Gemeinde gibt. Mehr noch: Der Sonntag ist so etwas wie die symbolische Wiederholung des Auszugs aus der Sklavenzeit in Ägypten. Israel war dort unter Druck, doch nun bekommen sie die göttliche Freiheit geschenkt. Israel kann sich aus dem Staub der Bedrückung erheben und wird vor Gott zum „neuen Geschöpf“. Diese Neuschöpfung, diese Befrei-ung durch Gottes Macht soll Gottes Volk besonders am Sabbat sich vor Augen halten und dadurch froh wer-den. Der Sabbat fordert uns auf: Erinnere dich an Gottes Geschichte und an seine Wohltaten darin.
Und das gilt über den Einzelnen hinaus. In 2Mo 20,10 lesen wir, dass der Sabbat nicht nur dem frommen Israeliten geschenkt ist, sondern auch den Kindern, seinen Bediensteten, seinem Vieh, sogar dem Fremdling im Land. Vom Sabbat geht ein Segen aus, der uns persönlich weit übergreift und auf unsere Umgebung abfärbt.
c) Sabbat – halt ihn heilig!
Der Sabbat ist Gott heilig (2Mo 20,8: dass du ihn heiligst – Ex 20,11: der heiligte ihn.) Gottes Heiligkeit und seine Gottheit ist die Klammer dieses besonderen Tages.
Heiligen heißt: für Gott exklusiv frei halten und bereit stehen. Was heilig ist, bleibt für Gott reserviert, und darf von niemandem anderes beansprucht werden. Heiliges ist herausgenommen aus dem Alltag. Darum fei-ern fromme Juden bis heute eine eindrückliche Sabbateröffnung, denn schon der Beginn des Sabbats am Vor-abend zeigt an, welches Gewicht dieser Tag hat und wie wunderbar es ist, vor Gottes Angesicht kommen zu dürfen.
Diese Gottesruhe wirkt sich sogar auf das Land aus. Auch die Schöpfung bekommt Zeit und Raum vor Gott zu treten und ihn anzubeten: „sollst du ruhen, auch in der Zeit Pflügen und Ernten“ (2Mo 34,21).
2. Der Sabbat – Gott setzt eine heilvolle Grenze
Auf die Gabe von Gott an seine Geschöpfe gehört biblisch aber zwingend auch die Hingabe der Geschöpfe an Gott.
Dort, wo diese Hingabe verweigert wird, da zeigt das Gebot auch die Strafe auf mit der Gott uns zur Verant-wortung zieht. Hier wird deutlich, wie nachdrücklich und unmissverständlich, wie entschlossen Gottes Gebot uns fordert.
Einige biblische Beispiele für die Grenzüberschreitung des Menschen:
? 4Mo 15,32-35: Ein Mann, der Holz auflas am Sabbattag muss nach Gottes Ordnung sterben
? Jer 17,21-23: „tragt (am Sabbat) keine Last (d.h. haltet keinen Markttag), tut keine Arbeit, sondern hei-ligt ihn. Wenn nicht, wird Gott Jerusalem verbrennen lassen“. Israel gehorchte nicht, sodass mit der Zerstreuung des Volkes Gottes Gericht eintraf.
? Am 8,5, Neh 10,31: Gott widerspricht hat jedem Versuch, den Sabbat abzukürzen, damit man möglichst wieder schnell seine Geschäfte treiben kann. Denn Gott verwirft solch halbherzige Gebotserfüllung (Jer 1,13). Die Ehrung Gottes kann nur mit ganzem Herzen und mit ganzer Hingabe geschehen.
Der Sabbat ist ein Geschenk Gottes – dies ist die gnadenvolle Seite. Zugleich ist er eine heilige Ordnung, über die Gott streng wacht – richtende Seite. Beide Seiten wollen beide gelebt werden. Damit ist das Sabbatgebot zugleich eine notwendige Kritik an unserer menschlichen, oft von Sünde und Egoismus geprägten Lebenshal-tung und Lebensführung.
Weg vom Gewinnstreben. Weg von der Hetze. Weg von Bindungen.
Hin zur Hingabe, zum Lob, zum Dienst vor Gott.
Der Sabbat ist eine heilsame Unterscheidung der Glaubenden von der nichtglaubenden Welt.
3. Der Sabbat – Jesus er-füllt ihn vollkommen
Wir lesen in den Evangelien von verschiedenen Konfliktsituationen der Pharisäer mit Jesus (der Streit geht je-weils von Gelehrten aus) – Ährenraufen am Sabbat – Heilen am Sabbat – Barmherzigkeit tun am Sabbat
Israel kämpfte seine ganze Geschichte hindurch um dieses wunderbare Gebot. Und doch fiel es in die Versu-chung der Vermeidungsfalle. Der Sabbat entwickelt sich zu einer Größe an sich, jedoch der Geber des Sabbats und das Wohltun Gottes ging darüber verloren.
Dagegen widerspricht Jesushart: Ihm geht es um die Rettung seiner Gschöpfe. Er will das Leben seiner Ge-schöpfe, das Leben unter der Leitung des Schöpfers. Das Tier im Brunnen, der Kranke im Leid, das Vieh, das gefüttert werden muss, all dies erlaubt aus der Ruhe auszuscheren und am Sabbat der geschundenen Kreatur wohlzutun.
Der Sabbat wird gehalten, wo wir gutes Tun und Leben erhalten. Darum darf der Geheilte Lahme am Sabbat auch seine Matte tragen (Joh 9). Während das Pharisäertum die Gesetzlichkeit betont, unterstreicht Jesus die Liebe und die Barmherzigkeit. Weder die griechische Versuchung gesetzlos zu werden, noch die schriftgelehr-te Haltung, wonach Gottes Geboten über die Maßen gehalten werden müssen, sind der biblische Weg. Viel-mehr der Schritt zu den Menschen in der Haltung der Barmherzigkeit Gottes.
Jesus geht es nie um ein Aufheben der Gebote, sondern die messianische Vollendung. Im Sabbatgebot erken-nen wir Gottes Barmherzigkeit, seine Erlösung und seine Befreiung. Zur Erfüllung des Sabbatgebots gehört das Helfen, Befreien, Erfrischen, Heilen und Freiwerden unlösbar dazu.
Geistliche Übung – wie (er) leben die den Sabbat als göttliches Geschenk?
1. Der Tag der Ruhe ist die Einladung zur Stille vor Gott
Ps 46,11: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin“.
Dazu hilft das Wort Gottes. Dazu hilft aber auch der Rückzug. Der Sabbat ist der Tag, an dem uns Gott zurück-nimmt in die Stille und in die Ausrichtung. Damit bekommen wir am Sonntag auch den nötigen Raum des Rückblick, verbunden mit dem Erkennen, wo wir schuldig geworden sind. Oft verdrängen wir dies im Normal-betrieb. Am Ruhetag sollen wir unser eigenes Verhalten bedenken und reflektieren. Wir könnten auch sagen: Der Sonntag ist der Tag um klar Schiff zu machen vor Gott.
Stille zu werden vor Gott lehrt uns dann auch neu ihm zu vertrauen. So hilft uns der Sonntag gelassen zu wer-den und uns unserem Herrn ganz neu zu überlassen. Hinzu gehören Zeiten der Muße, die uns herausnehmen aus den Anforderungen des Alltags.
2. Der Tag der Ruhe ist Einladung in die Gemeinschaft der Glaubenden
Wir feiern Gottesdienst – sogar öffentlich und in unserem Land unter gesetzlichem Schutz. Das ist wunderbar. Ein Geschenk!
Mit dem Gottesdienst wird Gott geehrt und bekannt. Aber auch wir brauchen die Gemeinschaft der Glauben-den. Denn der Glaube braucht die Gemeinschaft. Im Gottesdienst verbinden wir uns als Gemeinschaft der Kla-genden – die Not des einen wird zur Not aller. Aber wir erheben auch unsere Stimmen als Gemeinschaft der Lobenden. Was Gott einem schenkt, das erfreut und ermutig alle anderen auch. Gerade am Sonntag gilt: Ich will loben den Herrn allezeit, sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. (Ps 34,2)
Und in dieser gottesdienstlichen Gemeinschaft geschehen dann auch geistliche Neuaufbrüche. Zum Beispiel schenkt Gott die Ausgießung des Geistes an Pfingsten gerade an einem Sonntag. Damit beinhaltet der Sonntag die Verheißung der Erneuerung. Und was brauchen wir persönlich und für die Gemeinde dringender?
Neuaufbruch zeigt sich auch im Neu-Wahrnehmen. Der Sonntag bietet Zeit und Raum, dass wir andere Ge-meindeglieder „entdecken“. Sonntags können wir einander einladen. Sonntags können wir gemütlich bei Kaf-fee und Kuchen z.B. im AZK in der Cafeteria begegnen. Sonntags können Gemeindegruppen miteinander Un-ternehmungen planen.
3. Tag der Ruhe ist Einladung zur Heilung und Hoffnung
Der Sonntag etwas Heilsames und Heilvolles an sich. Die Pharisäer bei Jesus waren darauf aus, dass sie selbst gesund sind und bleiben. Darum forderten sie von sich und von anderen ein reines Leben.
Jesus aber kommt um die Kranken zu heilen. Und Christen haben den gleichen Auftrag. Wir wissen: Gottes Gebot hat heilende Wirkung. Es bringt zurecht. Und damit gehen wir mit uns und mit anderen gerade am Sonntag hilfreich und heilsam um.
Der Sonntag aber hat auch eine zukünftige Dimension. Er weist voraus auf das letzte, große Ziel Gottes hin. Er weist voraus auf die Herrlichkeit Gottes und die ewige Ruhe bei ihm (Hebr 4,9).
Wir feiern den Sonntag als Ruhetag, anders als das Judentum, das mit dem Sabbat den Abschluss der Schöp-fung begeht (7. Tag). Wir aber ehren Gott am ersten Tag der Woche und bekennen, dass Jesus den Tod be-siegt hat (Neuschöpfung). Damit eröffnen wir die Woche nicht mit Arbeit, sondern mit Lebens- und Ewigkeits-hoffnung. Jeder Sonntag ist ein Ostertag im Kleinen. Und alle unsere Sonntagsfeiern sind Vorgeschmack auf die herrliche Ewigkeit Gottes.
Schlussfrage zum Weiterdenken: Geistliche Übung – Ruhetag, gerade jetzt, wenn bald die Passionszeit beginnt:
Wo will ich in den Wochen bis zum Osterfest meine Gestaltung des Sonntags ändern? Wie kann der Sonntag bei mir heiliger werden?
Amen.

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