Ev. Brüdergemeinde KorntalDiakonieG.W. Hoffmann-WerkSpendenInfos/Stellen
Portal Ev. Brüdergemeinde Korntal Predigt lesen und hören
Gemeindearbeit
 
 
 

Von: Pfr. Jochen Hägele
12.03.2017 08:30

Thema: "Wirklich frei?!"

Apostelgeschichte 16, 23-34 10/17



Liebe Gemeinde!
„Es ist fünf vor Zwölf!“ – das sagen wir, wenn wir meinen: „Jetzt ist alles bald zu spät. Nur noch eine kleine Chance besteht, sonst ist alles vorbei. Schluss, fertig!“
Aber was tun wir, wenn es so weit ist, eben fünf vor Zwölf? Stimmen wir dann in den Schwanengesang des Panikorchesters mit ein, wie schlimm doch alles sei? Oder pfeifen wir aus dem letzten Loch, in der Hoff-nung, dass wir damit die Angst vertreiben könnten? Oder werden wir hektisch und agieren planlos unter der Devise, Hauptsache was tun, egal was?
„Es ist fünf vor Zwölf!“ – unser Predigttext erzählt von zwei Männern, für die das wirklich galt, und zwar ganz existentiell. Oder war es gar noch etwas später bei ihnen?
Predigttext: Apostelgeschichte 16,23-34
23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen.
24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen.
26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
27 Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
29 Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
30 Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen
34 und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.
Manche von uns haben Ähnlichen auch schon erlebt: unsere Familie reist in den Urlaub – wir haben uns für die Berge entschieden, auch wenn die Kinder das nicht verstanden. Der Anreisetag ist verhangen und trüb. Von der Autorückbank der Protest der Kinder, was hier in den Bergen denn besonders sein soll, es regne ja doch nur. Wolkenverhangener Himmel, grau in grau, langweilig. Wir Eltern versuchen die Berge zu be-schreiben, aber das überzeugt nicht wirklich. Nach einer erschöpften Nacht dann der nächste Morgen. Wir stehen auf dem Balkon unserer Ferienwohnung und sind fasziniert: blauer Himmel, noch ist die Sonne hinter den Bergen nicht zu sehen, aber die Macht und die Größe dieser Bergkette mit ihrem schneebedeckten Viertausender in der Mitte ist atemberaubend. Und die Kinder sind die ersten, die planen, wie wir dort oben wohl hoch kommen können.
So ist das auch im Leben mit Jesus. Auch wenn unser Glaube gewiss ist, auch wenn wir festhalten, dass der Glaube unser Sieg ist, der die Welt überwunden hat – es ist doch immer ein Sieg hinter den schweren Wol-ken der Welt. Der Sieg Jesu bleibt ein Bekenntnis, das wir nicht sehen, aber fest glauben. Jesu Macht wird dagegen in unsere Welt nicht als eine feststehende Tatsache erkannt. Erst bei Jesu Wiederkunft werden sich alle Knie vor ihm beugen und seine Hoheit anbeten. Erst dann. Bis dahin aber bleibt unser Glaube ein verhangener Sieg.
Das ist der Grundton auch des Lobgesangs aus der Tiefe. Paulus und Silas singen mitten im Kerker von Phi-lippi von der Freiheit der Kinder Gottes. Fast könnte man sagen: diese gebundenen und eingepferchten Ge-fangenen singen wie entfesselt. Denn sie sind gewiss: auch als verhangener Sieg bleibt es dennoch ein Tri-umph, denn Jesus Christus ist stärker.
1. Jesus ist stärker als die Fesseln der Macht
In der Nacht in der Zelle ist es ganz still geworden. Ganz anders als eben noch die turbulente Gerichtsver-handlung vor dem gestikulierenden, brodelnden Mob voller aufgehetzter Schreie. Paulus und Silas hatten das Evangelium von Jesus verkündet, das Evangelium der Freiheit. Denn Jesus macht frei – auch von Le-bensverstrickungen, wie sie diese Frau in Philippi erlebt hat. Sie war gefesselt und dirigiert vom Geist der Wahrsagerei, in die Hände skrupelloser Mafiosi gefallen, verkauft und verloren.
Doch das Evangelium von Jesus ist das Wort der Freiheit. Nicht nur innerlich, sondern für alle unsere Le-bensbereiche. Wo Jesus einzieht, da beginnen wir eine neue Lebensweise, dort gelten für unser Leben neue Maßstäbe. Aber dort regt sich auch der Widerstand. Paulus und Silas haben jene Frau, die von ihren Peini-gern nur benutzt wurde, durch Jesu Macht frei gemacht von ihren Bindungen. Jesus hat sie aus ihrem alten Lebensgeflecht herausgerufen. Und die Apostel haben ihr den neuen Lebensstil des Christus aufgezeigt. Doch ihre Lenker im Hintergrund reagieren, wie die gottlose Welt immer reagiert, wenn Jesus sich macht-voll erweist. Nicht mit Toleranz, nicht mit Verständnis. Vor dem Stadtrichter lautet die Anklage: Diese Men-schen (Paulus und Silas) bringen unsere Stadt in Aufruhr; sie sind Juden und verkünden Sitten, die wir weder annehmen noch einhalten dürfen, weil wir Römer sind (V. 21f.). Im Klartext: „Wir wissen selbst sehr genau, was wir zu tun haben, da brauchen wir diesen Jesus nicht!“
Wer sich aufs Evangelium einlässt, muss wissen, dass seinem Denken und Handeln in allen Lebensbereichen dadurch neue Maßstäbe gesetzt sind. Der Glaube an Jesus ist keine religiöse Lehre für fromme Denker, son-dern das neue Maß und die neue Grenze für alles Handeln. Bei allem, was wir tun und entscheiden, bei al-lem, was wir planen und durchführen, ist die entscheidende Frage: Wie und wo kommt Jesus darin zur Gel-tung?
Dagegen jedoch wehrt sich die Welt. In unserer Geschichte sind es jene Besitzer der wahrsagenden Sklavin genauso wie der Rat der Stadt und sogar „alle ordentliche Bürger“ – also alles, was Rang und Namen hat in Philippi. Denn der Glaube an Jesus ist keine Privatsache, die jeder für sich treiben kann – der eine mehr, der andere weniger. Der Glaube an Jesus drängt auf Veränderung. Zuerst auf die Veränderung der Menschen – und dann auf die Veränderung der Verhältnisse. Aber eben in dieser Reihenfolge.
Da werden also die Menschen böse; die kleinen Leute genauso wie die Machthaber. Paulus und Silas droht sogar die Lynchjustiz durch die aufgebrachte Menge. Man sperrt die Botschafter Jesu schnell als Störenfrie-de weg – in die Tiefe der Hochsicherheitszelle.
Aber keine Fessel kann die Botschaft Jesu lahmlegen. Das wunderbare Geschehen in Philippi, das Erdbeben und das Abfallen der Fesseln, zeigt, dass Jesus stärker ist als alle Bindungen, als alle Fixierungen, als alle Verbote der Mächtigen.
Doch geht dieser Weg für die Botschafter Jesu nicht ohne Leidensweg. Paulus und Silas stehen in der Tiefe der Nacht am Abgrund. Sie sehen dem Tod ins Auge. Aber sie stehen dort an der Seite Jesu und wissen sich vom Sieger gehalten und getragen. Dieser Herr ist stärker, stärker als alle Fesseln der Macht.
2. Jesus ist stärker als die Tiefe des Leidens
Ob sie wohl zweistimmig gesungen haben dort im Verließ? Jedenfalls stimmten sie in der Absicht überein, ein klares Bekenntnis vom Stärkeren abzulegen. So laut, dass es jeder, der nur wollte, auch hören konnte.
„Singet dem Herrn ein neues Lied“ – so fordert uns der Psalm nicht nur einmal auf. Sicher: es war ein Loblied unter Leiden, ein Bekenntnis aus Beklemmung, ein Zeugnis unter dem Zwang der Ketten. Aber es war ein Singen davon, dass keine Macht und kein Leiden „uns scheiden kann von der Liebe Gottes“. Paulus und Silas – und seither alle Kinder Gottes – wissen um den noch verhangenen Sieg des Herrn. Er ist heute schon Realität, auch wenn er erst am Ende der Zeit von aller Welt realisiert wird.
Oft ist das Leiden die Stunde der Glaubensbewährung. Aber sind wir ehrlich: Kein Christ, der ehrlich ist, sehnt sich diese Zeit „Fünf Minuten vor Zwölf“ herbei. Durch die Geschichte der Gemeinde zieht sich die Spur der Märtyrer, angefangen von Stephanus aus der Apostelgeschichte bis zur leidenden Gemeinde heute – in vielen Ländern dieser Welt. Es sind so viele, wie bisher noch nie in der Geschichte der Christenheit, die mit ihrer Freiheit und sogar mit ihrem Leben bezahlen, weil sie Jesus vertrauen. Dem Jesus, der „mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen und teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben“ (M. Luther, Erklärung zum Zweiten Artikel des Glaubensbekenntnisses).
Aber sie alle erleben auch das andere, dass alle Anfeindung nicht in die Mutlosigkeit führt – im Gegenteil. Genau wie damals in Philippi: In der Bedrängnis öffnet uns Gottes Geist den Mund zum Bekennermut und zum Lobgesang. In der engen Zelle wird es weit durch die Gemeinschaft mit dem Herrn und durch die ge-glaubte Verbundenheit mit der Schar anderer Bekenner. Jesus ist stärker als die Tiefen des Leidens.
Darum war und ist das gesungene Lob Gottes zu jeder Zeit ein Zeugnis vor der Welt. Die Umwelt der Apos-tel damals waren düstere Gefangene, aber gerade auch sie brauchen die Botschaft von der Freiheit, die nur Jesus schenkt. Darum erklingt die Mitternachtskantate im Knast. Denn Christen preisen ihren Herrn als den Gott, der ein Gott der Möglichkeiten mitten in der Unmöglichkeit ist. Und sie preisen ihren Gott an jedem Platz, egal, wie unmöglich er auch scheinen mag. Christen sind so frei – durch ihren Befreier Jesus.
3. Jesus ist stärker als die Sorge um den Bestand der Gemeinde
Der Kerkermeister war fassungslos. Er hat die Schlüssel des Gefängnisses, dessen Türen durch das Beben aufgesprungen sind, in der Hand. Aber besitzt nicht den Schlüssel zu jener Gottesgeborgenheit, in der die beiden Sänger stehen. Darum seine grundehrliche Frage: „Was muss ich tun?“ – Genauso haben sich auch die vielen in Jerusalem gefragt, damals am Pfingstfest. Und wie damals Petrus, so erklärt es hier auch Pau-lus: „Nimm den Ruf Jesu an und kehre um zu ihm. Dann bist du gerettet.“ So schlicht und doch so klar kann es zugehen.
Ich stelle mir vor, was die Kinder und die Sklaven im Haus des Gefängnisaufsehers gedacht haben, als sie mitten in der Nacht um ihren Schlaf gebracht wurden. Mit kleinen Augen sind sie bei der kurzfristig ange-setzten Tauffeier. Sicherlich waren sie verdutzt, überrascht, vielleicht auch ein wenig irritiert. Doch der, der ihren Hausherrn verändert hat, der soll auch sie alle verändern. Die entdeckte Freiheit durch Jesus steckt andere an.
Schließlich war es dann so weit, dass der Gefängnischef sich eintauchen ließ in das neue Leben mit Jesus, sich beschlagnahmen ließ in der heiligen Taufe. Denn die Taufe gehört unabdingbar zum Christsein. In ihr legt Gott seine Hand auf einen Menschen und bestätigt ihn als sein Eigentum.
„… und alle die Seinen sogleich …“, also Erwachsene, Halbwüchsige und mit Sicherheit auch Kinder. Sogar solche, die in dieser Stunde unmöglich den Weg zum eigenen Glauben selbst abgeschritten haben konnten. Gott hat sie in die Taufe ihres glaubenden Hausvorstehers mit hineingenommen. Gott hat auch sie be-schlagnahmt und einen neuen Anfang mit ihnen gemacht. Ihre Antwort darauf werden sie – wie jeder Ge-taufte – selbst zu geben haben.
Aber die Ermutigung bleibt: Gott sorgt selbst immer wieder für den „Nachwuchs“ seiner Gemeinde, auch da, wo wir den Mut schon fast verloren hatten. Kein Unglaube einer jungen Generation ist für Christus un-überwindbar. Er sucht und er findet immer neu auch junge Menschen für sein Volk. Er wird sich so verhal-ten und seine Gemeinde so gestalten, „dass du dich wundern wirst“. Auch unter unseren Konfirmanden und Täuflingen in unserer Gemeinde ist Jesus am Werk – Jahr um Jahr neu. Das motiviert uns zu dieser wichti-gen Begleitung unserer Teenager.
Es war fünf vor zwölf, damals in der Gefängniszelle. Oder doch schon ein bisschen später. Für Paulus und Silas standen die Zeiger trotz der persönlichen Not und Krise bereits auf fünf nach zwölf. Übertragen ge-sprochen lag die Mitternacht schon hinter ihnen. Auch wenn es äußerlich noch dunkel war. Jesus war bei ihnen, und damit schauten sie bereits auf das Morgenlicht des Auferstehungstages. Gottes Neuschöpfung und seine Freiheitsgeschichte für uns Menschen hat schon begonnen – schon längst. Auch wir, obwohl wir keine biblischen Apostel sind, dürfen schon leben in der neuen Zeitrechnung Gottes. Aber wir sind Botschaf-ter in unsrer Zeit und unserer Welt. Befreit durch die Erlösung Jesu. Und bereit für das Zeugnis von Jesus. Wir haben allen Grund, wie entfesselt unseren Gott zu loben.
Amen.


Herausgeber:
Evang. Brüdergemeinde Korntal, Saalplatz 2, 70825 Korntal-Münchingen
Tel.: 07 11 / 83 98 78 - 0, Fax: 07 11 / 83 98 78 – 90;
E-Mail: Pfarramt@Bruedergemeinde-Korntal.de; Internet: www.Bruedergemeinde-Korntal.de