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Von: Pfr. Jochen Hägele
15.10.2017 08:15

Thema: "Und wenn das Wunder ausbleibt?"

(Diakoniesonntag) Apg. 7, 54-60 u.a. 26/17


Liebe Gemeinde,

die Predigt besteht heute am Diakoniesonntag aus zwei Teilen. Zunächst nimmt sie das Anliegen der Diakonie auf, verbunden mit dem Jahrestag 500 Jahre Reformation. Im zweiten Teil führt sie das Thema aus den vergangenen Gottesdiensten weiter: „Wunder werden wahr“ und fragt nach: „Und wenn das Wunder ausbleibt?“

Predigt Teil 1: Freiheit zum Dienst (1Petr 4,10)

Liebe Gemeinde,

Rom, die Weltstadt. Ende Juni 1520. Gegen jenen aufrührerischen Mönch aus dem Provinznest Wittenberg lässt Papst Leo X. die offizielle Verbannungsurkunde ausformulieren. Der Augustinermönch hat nun auch die letzte rote Linie überschritten, wenn er auf die Androhung des Kirchenausschlusses nur mit Spott reagiert hatte.

In diesen Sommertagen klopft ein päpstlicher Geheimbotschafter an die Türe jenes rebellischen Mönches namens Martin Luther und dringt auf ihn ein: er solle im Rahmen der offiziellen Korrespondenz seines Klosterordens doch ein Schreiben zur Versöhnung an den Papst beilegen. Noch sei es nicht zu spät. Damit könne die leidige Sache in letzter Sekunde abgewendet werden.

Luther macht sich an die Arbeit und verfasst seinen Sendbrief an Papst Leo X., in dem er um „den Bruder in Christus in Rom“ kämpft. Luther bittet das Kirchenoberhaupt inständig, sich von der Macht seiner Klüglinge zu befreien. Denn in Christus allein liegt unsere Freiheit! „Heiliger Vater, siehe, Christus gibt dir seine Gerechtigkeit. Du kannst noch einmal von vorne beginnen. Du darfst mit Christus verbunden sein wie die Braut mit ihrem Bräutigam. Glaube an Christus, deinen Herrn, dann wird dein Hirtenamt in neuem Glanz erstrahlen … Du bist groß genug und hast wahrlich die ganze geistliche Autorität, wenn du des Herrn Knecht bist.“

Diesem Brief voller werbender Leidenschaft fügt Luther ein kleines Heft bei. Ein Heft, das bald schon fundamentale Bedeutung erlangen sollte. In Rom zwar fand es nur Verachtung, aber für die reformatorische Bewegung wurde dieses kleine Heft zur maßgeblichen Programmschrift.

Sie ahnen es: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“.

Zwei Sätze stellt der Reformator als Thesen seinen 30 kurzen Abschnitten voran:

1.      Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.

2.      Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Beide Sätze scheinen sich zu widersprechen. Und doch spiegeln beide die Dynamik des Glaubens wider.

Da ist zum einen die Freiheit der Glaubenden durch Jesus. Der natürliche Mensch ist nicht frei, sondern seit dem Sündenfall den Mächten und dem Satan unterworfen. Es gibt für ihn eigentlich keine Hoffnung auf Leben und Freiheit. Doch dann kommt Jesus Christus und macht uns durch sein Sterben frei von aller Sünde. Er bietet uns den „fröhlichen Tausch“ an. Will sagen: Christus nimmt meine Schuld und Unfreiheit. Er trägt meine Sünde. Ich werde durch ihn befreit und geheiligt. Ich darf den Namen „Gotteskind“ tragen.

Dieser wundersame Tausch wird wirksam allein durch den Glauben. Nun gibt es nur noch eine Instanz, von der mein Glaubensleben und meine Seligkeit abhängt: von Jesus Christus. Niemand untertan, als allein ihm.

Doch ist dies erst die eine Seite. Sicherlich – die entscheidende. Aber die Konsequenz dieser Christusfreiheit folgt sofort. Und zwar im anderen Satz, der wie ein Widerspruch aussieht.

Wer von Jesus befreit ist zu einem neuen Leben aus Gott, der erfährt zugleich eine Berufung zum Diener für die Menschen. Mit Freiheit beschenkt, aber zur Verantwortung berufen.

Das ist der Startpunkt aller Diakonie. 

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Gemeinde. Kirche der Freiheit ist immer Kirche des Dienstes. Der Dienst am Nächsten, also die Diakonie, ist eine unverhandelbare Wesensäußerung der Gemeinde Jesu. Ohne Diakonie keine Gemeinde. Oder nochmals mit Luther:

„Ein Christenmensch lebt nicht aus sich selber: Sondern in Christus durch den Glauben – im Nächsten durch die Liebe.“

In dieser Dynamik lebt und wirkt der Glaube an Jesus. Frei aus Glauben – aber gebunden durch Liebe.

Im Bild einer Quelle lässt sich dies so darstellen: Die Quelle, die frisches und klares Wasser aus dem Boden sprießen lässt, gleicht der Freiheit, die Jesus für uns erwirkt. Jesus für uns! Seine Hingabe ist das Lebenswasser für uns. Dort werden wir satt für alle Zeit.

Nun aber darf eine Quelle ihr Wasser nicht verlaufen lassen. Im Gegenteil. Ein Bach und später ein Fluss bündelt das Wasser und lässt es bergab in die Städte der Menschen fließen, dorthin, wo so manche Not versammelt ist.

Dieser Fluss heißt Diakonie. Sie ist der Fluss der Liebe, sie ist Jesus, der durch unseren Dienst zu den Menschen kommen will.

Jesus in uns – das macht frei. Jesus durch uns – das ist unser Auftrag.

Nochmals Luther: „… dass ein Christenmensch nicht sich selbst lebt, sondern in Christus und in seinem Nächsten. In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott. Aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe.“

Das ist also das Geheimnis aller Diakonie: Beschenkt werden und Weiterschenken. Und darum wollen wir als Gemeinde immer neu unsere Mitarbeiter in der Diakonie betend und unterstützend begleiten. Heute am Diakoniesonntag soll dies auch im Gottesdienst sichtbar werden. Darum grüßen wir unsere Mitarbeiter in der Diakonie und bitten alle nach vorne, damit wir sie mit einer Rose beschenken und mit Gottes Wort segnen:

Auftragswort:

Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei (griechisch: vielfältigen/mannigfaltigen) Gnade Gottes (1Petr 4,10).

Segenswort:

Jesus zu Paulus: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt (Apg 18,9f).

 

Predigt Teil 2: „… und wenn das Wunder ausbleibt“ (Apg 7,54-60)

Liebe Gemeinde,

wir haben in den letzten Sonntagen das wunderbare Wirken Jesu miteinander bedacht. Wie oft hat er geheilt, hat Mangel ausgefüllt. In den Evangelien finden wir nur eine Stelle, an der er ein Wunder verweigert. Dies, als die Pharisäer ihn um ein Zeichen bitten, damit sie ihre Ränke gegen Jesus weiter schmieden können. Sonst aber weist er keine Bitte um wunderbares Helfen zurück.

Und heute: erleben wir es nicht viel zu oft, dass trotz allem Beten und Glauben ein Wunder ausbleibt?

Wenn wir über Wunder in der Bibel sprechen, dann gilt es seelsorgerlich auch davon zu reden, dass nicht immer ein Wunder passiert.

Gleiches hören wir aber auch schon in der Apostelgeschichte: Stephanus, der wichtige Diakon und Gemeindeverantwortliche, wird gefangen und zum Tode verurteilt. Jesus aber rettet ihn nicht wunderbar, sondern lässt es zu, dass die Gemeinde in Jerusalem einen ihrer Besten so schmerzlich verliert (Apg 7,54ff).

Später lesen wir, dass Petrus wunderbar durch einen Engel aus dem Gefängnis befreit wird – Jakobus aber wird von König Herodes umgebracht (Apg 12,2). Wäre es nicht ein Leichtes gewesen für Gott, auch Jakobus zu retten?

Paulus selbst trägt eine schwere Einschränkung mit sich, einen „Pfahl im Fleisch“, wie er selbst sagt. Doch trotz alles Bittens bleibt die Heilung aus (2Kor 12,8f). Und auch im Jakobusbrief lesen wir im Blick auf das Gebet der Ältesten über einem Kranken ein doppeldeutiges Wort: „… es wird besser werden mit dem Kranken“ beinhaltet sprachlich zwei mögliche Ausgänge: a) der Kranke wird leiblich gesunden. Oder aber b) der Kranke wird nicht leiblich geheilt, aber im Glauben gestärkt.

„Und wenn das Wunder ausbleibt?“ – viele von uns haben diese Erfahrung bei sich oder bei lieben Menschen selbst gemacht. Können wir in dieser Krise etwas Helfendes und Tragfähiges sagen? Oder müssen wir sprachlos danebenstehen?

Der Abschnitt von der Steinigung des Stephanus kann hier unseren Blick in die richtige Richtung lenken.

Stephanus aber, voll Heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen (Apg 7,55-56).

Wenn das Wunder ausbleibt. trägt uns der Blick auf die Herrlichkeit Gottes. Wie natürlich und verständlich ist es, wenn wir in unserer Not gefangen sind und uns um uns selbst drehen. Doch Gottes Wort will uns zu einer veränderten Blickrichtung helfen. Nicht nur über der eigenen Not, sondern gerade auch in der eigenen Not bekommt die Herrlichkeit Gottes eine besondere Trostqualität. Jesus ist und bleibt der Sieger – er regiert zur Rechten Gottes. Dies gilt auch gegen den Widerspruch der eigenen Machtlosigkeit. Der Blick zu ihm schenkt uns die Kraft, die eigene Verlassenheit neu zu tragen. Und wie wichtig, dass andere behutsam dem Leidtragenden beistehen in dieser Änderung der Blickrichtung.

Dies erlebt Stephanus nachdrücklich, weil sich ihm nicht nur der Himmel im Sterben öffnet, sondern weil er Jesus sieht.

Das können wir bis heute ganz real praktizieren. Ein schlichtes Kreuz im Zimmer an der Wand kann zu solch einem Fluchtpunkt werden, das unseren Blick lenkt und uns im Glauben stärkt. Jesus vor Augen.

… und sie steinigten Stephanus; der rief den Herrn an und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Stephanus fiel auf die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Und als er das gesagt hatte, verschied er (Apg 7,59-60).

Wenn das Wunder ausbleibt, darf Versöhnung dennoch geschehen. Stephanus befiehlt sich ganz in Gottes Hand und gewinnt so im Sturm einen himmlischen Frieden. Und Stephanus kann auch versöhnend handeln im Blick auf die Schuld, die ihm Menschen antun. Um solch eine Kraft der Versöhnung dürfen wir immer neu bitten. Damit wir nicht an dem Schweren, das Gott zulässt, oder an der Schuld von Menschen stehen bleiben müssen, sondern frei werden. Frei für den Weg durch das Leiden an Jesu Hand.

… stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Und die Zeugen legten ihre Kleider ab zu den Füßen eines jungen Mannes, der hieß Saulus … (Apg. 7,58).

Saulus, der spätere Paulus, erlebt das Leiden des Gottesmannes Stephanus. Noch scheint er ungerührt zu sein. Aber welche Nachwirkung mag der gewaltsame Tod des Diakons im Leben des Paulus wohl gehabt haben? Ich bin davon überzeugt, dass das Zeugnis des Stephanus ein nachhaltiges Zeichen für Paulus war. Und später kam Paulus selbst in die gleiche Lage, von seinen Kritikern gesteinigt zu werden. Spätestens hier war ihm der Weg des Stephanus eine Hilfe. Wenn das Wunder ausbleibt, dann redet Jesus auf verborgene Weise zu den Menschen. Oft so, dass es erst im Rückblick einen Sinn ergeben mag. Und oft so, dass scheinbar Unbeteiligte dadurch gesegnet sind.

„ … und wenn das Wunder ausbleibt?“ - wir sind mit diesen Überlegungen auf einem seelsorgerlich ganz empfindsamen Gebiet unterwegs. Aber es gehört zur Klarheit des Glaubens, dass für Jesu Leute eben nicht alles gut wird. Wo das sichtbare Wunder ausbleibt, wo die Last nicht wunderbar abgenommen wird, da ist die Nähe Jesu umso wertvoller. Denn gerade im Leiden vermag er den Himmel zu öffnen, vermag er Siegeskräfte zu verleihen und vermag er zu Menschen zu reden.

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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