Ev. Brüdergemeinde KorntalDiakonieG.W. Hoffmann-WerkSpendenInfos/Stellen
Portal Ev. Brüdergemeinde Korntal Predigt lesen und hören
Unsere Gemeinde
Unsere Angebote
Diakonische Projekte
Einkaufen und Essen
Infos

Von: Pfr. Jochen Hägele
31.10.2017 09:45

Thema: "Allein die Schrift."

(Reformationstag) 2.Timotheus 3, 14-17 27/17


Predigt – unterbrochen von einem Gespräch mit Martin Luther

Liebe Gemeinde,

gerade so wie die Reformatoren haben wir es gesungen: Wächter stehen über den Mauern. Wächter, die wachen und laut genug rufen. Solange, bis Jerusalem, sprich, Israel und auch die Kirche Jesu Christi wieder aufgebaut ist. Das ist die Aufgabe der Gemeinde aller Generationen.

(Luther kommt im Talar mit Barett hinten zur Tür herein und unterbricht)

Luther: Ganz genau! Eure Aufgabe!

Prediger: (überrascht) Das gibt es doch nicht, wer sind denn Sie? – Nein, doch nicht etwa Luther persönlich? Martin Luther kommt heute zu uns! Ich fass es nicht!

Luther: Jesus Christus sei mit euch. Beruhigt euch! Ich bin nur gekommen, um euch zu erinnern. Mein ganzes Leben war ja ein großes Dran-Erinnern. Daran, um was oder besser um wen es eigentlich geht. Von Anfang bis Ende geht es um Gott! Um den lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und der in Jesus Christus Mensch geworden ist.

(hat sich wieder gefasst)  Na gut, dann erinnere uns bitte mal. Ich habe dich ja immer für den gehalten, der auf den Mauern ganz oben steht und einer der wichtigsten Lehrer der ganzen Kirche ist.

Luther: Wie ihr sicherlich wisst, hätte mich ein nicht geringer Teil dieser römischen Kirche dafür am liebsten von eben diesen Mauern gestürzt.

Dein Pech, lieber Doktor Luther, ist nur, dass viele unserer Landsleute dich heute nur noch als imposante Person vom Lutherdenkmal in Worms kennen. Wer weiß denn noch, was du geschrieben hast? Und nicht wenige halten dich bis heute sogar für einen Kirchenspalter.

Luther: Was? Immer noch? Dabei hoffte ich, dass wenigstens spätere Generationen es besser verstehen würden. Zu meiner Zeit galt nämlich das Wort des Papstes mehr als das Wort Christi! Wer nach dem Wort Gottes leben wollte, wurde verfolgt und verbrannt. Und mein Vergehen war, dass ich eben das Wort Gottes verbreitet habe. Und ich habe zu einem Leben ermuntert, das diesem Wort entspricht. – Nur das habe ich gepredigt und geschrieben – immer und immer wieder.

Aber mal ehrlich. Wer außer uns beiden liest das heute noch?

Luther: Deine Konfirmanden, hoffe ich. Du lässt sie doch den Kleinen Katechismus auswendig lernen! Oder etwa nicht?

(verlegen) Ehrlich gesagt, nur in groben Zügen.

Luther: Aber doch wenigstens die Gebote!?

(erleichtert) Die schon, sicher. Am Mittwoch haben wir sie im Konfis behandelt! Alle Gebote, und das erste sogar mit deiner Erklärung!

Luther: An meinen Erklärungen liegt mir nichts. Wenn du bessere findest, auch gut. Darf ich die jungen Leute fragen, was sie wissen?

(peinlich) Lieber nicht, verehrter Herr Bibellehrer. … Ich meine: Jetzt noch nicht. Bitte erst bei der Konfirmation, nächstes Jahr im März.

Luther: Warum? Bei mir war immer Zeit der Konfirmanden. Oder besser, ich frage die Großen. Die kennen doch wohl den Großen Katechismus!

Einen Moment, verehrter Doktor Luther. Ich darf doch Martin zu dir sagen?

Dein Eifer in Ehren, aber das sprengt doch etwas den Rahmen unseres Gottesdienstes. Du weißt ja, wie ausführlich dein Großer Katechismus ist!

Luther: Na gut. Ich will euch ja nicht überfahren.  Aber sonst wissen sie alles, ja? Damals haben wir immer regelmäßige Visitationen in den Gemeinden abgehalten, um zu sehen, wie beklagenswert die Kenntnisse waren. Stell dir vor, einige sagten mir sogar: Wer glaubt noch an die sieben Gebote?

Also, das wüssten hier alle, dass es zehn sind.

Luther: Und die anderen Hauptstücke des christlichen Glaubens? Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Taufe und Abendmahl, Missionsbefehl?

Vorsicht, Martin. Bei der Taufe würdest du mitsamt der biblischen Lehre von der Säuglingstaufe bei manchen von uns nicht so recht verstanden werden. Wir haben nicht nur getaufte Kinder in unseren Reihen.

(energisch) Luther: Wie bitte? Haben die Schwarmgeister denn auch hier Fuß gefasst? Ist der verblendete Karlstadt bei euch eingekehrt oder die Wiedertäufer?

Karlstadt nicht, aber die Zeit hat sich eben weiter entwickelt seit der Deinen.

(entrüstet)  Luther: Nicht zu fassen – und das im heiligen Korntal. 

(beruhigt sich)  Aber lassen wir das. Lebt ihr sonst in Frieden?

Einigermaßen schon. Auch wenn viele Angst haben, was auf dieser Welt noch alles passiert.

Luther: Wie? Ist etwa der Türke wieder im Land?

Moment mal, du könntest missverstanden werden. In diesem Land leben Millionen Türken, aber die Gefahr geht im Moment von radikalen Vertretern des Islam aus, auch wenn einflussreiche Leute sagen, das hätte mit dem Islam nichts zu tun.

Luther: Ich habe immer gelehrt, dass ein Christ dann am tapfersten sein soll, wenn die Sache verloren scheint. Nur die Toren verlassen sich auf Waffen und Macht. Uns Christen ist befohlen, in der Gefahr standhaft zu hoffen. Und wenn alles gut aussieht, gilt es Gott zu fürchten und niemals stolz zu sein.

Richtig: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“ – so hast du uns singen gelehrt. Und wir haben dein Lied heute Morgen auch schon angestimmt. Leider hast du es verpasst.

Luther: „Ein feste Burg“. Ja, das kommt aus meiner Feder. Entscheidend ist aber, wie´s weitergeht: „Es streit für uns der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren.“ (zur Gemeinde gewandt)
Will mal sehen, ob ihr das noch kennt. Los, sprecht einfach mit: „Fragst du wer der ist, er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott. Das Feld muss er behalten.“  Naja, ein paar können es noch. Dürften aber schon mehr sein.

Allerdings, lieber Martin, muss ich dir sagen, dass dich nicht alle verstanden haben. Auch in unserer württembergisch-lutherischen Kirche nicht. Wenn du von dem einen Gott singst und sagst, dann stimmen dir zwar viele zu. Aber wenn du genauer nachfragst, dann vermischt sich leider vieles und es geht drunter und drüber.

Luther: Was? Haben die den Verstand verloren?

Eher umgekehrt: Zu viel menschlichen Verstand und zu wenig Heiliger Geist. Ein Pfarrer wird in unserer Zeitung mit den Worten zitiert, dass wir uns doch so nah sind, Muslime und Christen, unter dem einen Gott. Und die Kirchenleitungen in Deutschland sind für die Weggemeinschaft mit Muslimen sehr offen.

(entsetzt) Luther: Sowas hätte zu meiner Zeit ja nicht mal der Papst gesagt, und den hab ich für den Antichristen gehalten.

Ich wage es dir kaum zu sagen, dass in manchen Kirchen sogar das gemeinsame Gebet mit Muslimen und Buddhisten praktiziert wird.

Luther: Ich ahnte es schon! Das kommt dabei heraus, wenn man nur auf den Menschenverstand achtet? Ich möchte in deiner Zeit nicht leben. Merkt denn keiner bei euch, dass hier andere Götter neben den einen Gott gesetzt werden?

Lieber Martin Luther, solange Jesus Christus noch Menschen die Klarheit schenkt und der Heilige Geist sie die Lehren unterscheiden lässt , solange ist die Kirche nicht verloren.

Luther: Was weißt du denn schon von einer verlorenen Kirche. Wir sind es ja nicht, die diese Kirche erhalten – es ist nur einer, der gesagt hat: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Ich hoffe, ihr betet reichlich um den Heiligen Geist. Ohne Gebet wäre die Kirche längst verloren.

Da sprichst du einen wunden Punkt an. Beim Gebet hapert es bei uns allen. Stimmt das eigentlich, dass du jeden Tag fünf Stunden mit Beten zugebracht hast?

Luther: Ja, ich weiß, es hätten eigentlich mehr sein müssen.

Es ist also wahr?

Luther: Ich weiß nicht, was du hast. Mit Gott reden ist doch das Schönste. Auf dem Zettel da draußen habe ich gelesen, dass es hier Gebetskreise gibt. Das hatten wir nicht mal in Wittenberg.

Freut mich, wenn dich bei uns doch etwas positiv überrascht. Übrigens: Willst du nicht hier oben weitermachen und uns Gottes Wort sagen? Das wäre mir eine große Ehre! Der Reformator selbst legt uns die Heilige Schrift aus.

Luther: Nein, nein. Ich bin nur auf der Durchreise, um kurz mal zu sehen, ob die, die sich meinen Namen gegeben haben – Lutherische Kirche –, auch noch etwas mit mir anfangen können, oder ob ich mich euretwegen in meinem Wittenberger Grabe herumdrehen muss.

Ganz unter uns: Ich fürchte, du wärst angesichts der geistlichen Lage in unserem Land inzwischen in den Zustand der Dauerrotation übergegangen.

Luther: Nun, dann will ich euch zum Schluss das noch sagen: Ich habe zwar viel geschrieben in meinem Leben, aber wichtig ist mir nur, dass ihr wisst, dass unser Gott, der Vater Jesu Christi, das letzte Wort haben wird am Ende der Tage. Er hat uns sein teures Wort gegeben, damit wir´s fleißig lesen und lernen. Und dass unser lieber Herr Jesus Christus in die Welt gekommen ist, um uns zu erlösen, frei zu machen von allem Druck, von allem Müssen und vom Sollen. Er liebt uns, das ist genug. Und nun lebt wohl!

Halt doch, Martin! Wo gehst du jetzt hin?

Luther: Das weiß ich noch nicht so genau. Zu tun gäbe es ja wohl recht viel. Vielleicht besuche ich mal die Pfarrer, die den Islam so anziehend finden. Oder gehe nach Genf, um dem Lutherischen Weltbund den Kopf zu waschen. Und die Übersetzer der sogenannten „Bibel in gerechter Sprache“ würde ich auch nur zu gern zu fassen kriegen.

Oder aber ich bleib gleich hier in der Stadt und beschau mir die beleuchteten Kürbisköpfe vor den Häusern. Ist ja nicht zu glauben, dass aus dem wichtigen Reformationstag bei euch so ein Halloween-Grusel gemacht wurde. Sag doch! Gibt es denn nicht Grauen genug in der Welt?

Woran ihr euer Herz hängt, das ist euer wahrer Gott! Denkt daran, wenn ihr mit den Menschen ins Gespräch kommt und euren Glauben bekennt!

(dreht sich um und eilt zur Türe)

(ruft hinterher) Martin, kommst du nächstes Jahr wieder zu uns?

(hält kurz inne) Luther: Wer weiß?!

Wäre schön.

Luther: Seid Gott befohlen! (geht hinaus) Prediger macht weiter:

 

Liebe Gemeinde,

na, das kommt auch nicht alle Tage vor. Der Reformator selbst kommt in den Großen Saal.  Da haben Sie heute aber Ihren Bekannten und Freunden etwas zu erzählen!

Und wir nehmen das Anliegen Luthers auf, wenn wir heute das zweite Stück der vier Exklusivartikel bedenken. Viermal „allein“ – das hat uns die Reformation gelehrt.

Allein Jesus Christus; allein die Schrift; allein die Gnade; allein der Glaube. Jetzt steht im Zentrum:  Allein die Schrift. Dazu der Predigttext (2Tim 3,14-17):

14 Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast 

15 und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. 

16 Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 

17 dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.

Allein die Schrift. An dieser Grundlegung entscheidet sich letztlich alles. Denn wir kennen Jesus ja eben aus Gottes Wort. Und wir können nur darum von der Gnade reden, weil die Heilige Schrift sie uns bezeugt. Und unser Glaube ist nicht unser Werk, sondern wird erst geboren aus dem Wort der Bibel, oder wie Paulus sagt:  Der Glaube kommt aus der Predigt (Röm 10,17), d. h. aus dem verkündigten Wort Gottes.

Alle theologischen Fragen bekommen ihre grundlegende Weichenstellung an der Schriftfrage.

Zwei Beispiele aus unseren Tagen: Wenn heute gefragt wird, wer ist der wahre Gott, dann steht und fällt die Antwort damit, ob wir in der Bibel nachlesen und dort den Vater Jesu Christi erkennen, der eben nicht vereinbar ist mit Allah oder anderen, z. B. buddhistischen Gottesvorstellungen. Die Bibel offenbart uns Gott als den Einzigartigen und den Unvergleichlichen, neben dem kein anderer ist. „Ich bin der Herr, dein Gott […] Du sollst keine anderen Götter neben  mir haben“ (2Mo 20,2.3) lautet das erste Gebot.

Oder: Wenn in ethischen Fragen heute Toleranz gefordert wird und bis in die Evangelische Kirchen hinein die Forderung nach einer Ehe für alle Gehör findet, dann kann uns allein die Heilige Schrift sagen, was Gottes Wille ist. Gottes Ordnung steht über allen Zeittrends. Darum schützt Jesus die Ehe zwischen Mann und Frau und lässt nichts scheinbar Vergleichbares daneben stehen. Wir könnten fortfahren und kämen doch immer wieder zu dem einen Endergebnis: Entscheidend ist, wie du´s mit der Heiligen Schrift hältst. Ist sie die alles bestimmende Norm, oder ist sie lediglich eine Stimme, die heute neu gelesen und gedeutet werden muss.

Eins der großen Gottesgeschenke der Reformation war die Neuentdeckung der Bibel. Gottes Wort für jeden. Und dieses Wort stellt einen absoluten Anspruch an jeden. Ja, dieses Wort ist die letzte Instanz, nach der wir glauben, denken, leben sollen.

Reformation 2017 – viele Veranstaltungen wurden in diesem Jubiläumsjahr durchgeführt.  Viel historisches Gedenken. Doch das Entscheidende ist, dass dieses Jahr – und auch jeder neue Tag ? eine Bibelbewegung in uns auslöst: eine Bewegung hin zur Bibel. Das fängt schon bei uns im Großen Saal an. Bringen Sie doch in Zukunft Ihre Bibel zum Gottesdienst mit, damit wir Gottes Wort hören und miteinander darin graben können. Oder zuhause: reservieren Sie sich die zehn besten Minuten des Tages für Gottes Wort. Die Reformatoren lehren uns, Gottes Wort neu glänzen zu lassen:

a)      indem wir es neugierig lesen;

b)      indem wir es als Wort der Gnade lesen;

c)      indem wir es als Ganzes, als Gottes Wort ehren und

d)      indem wir uns nach seinen Vorgaben richten.

Liebe Gemeinde, wie würden Sie folgenden Satz beenden? Unser Glaube ist gewiss, weil …

Martin Luther hat diesen Satz so zu Ende geführt: Unser Glaube ist gewiss, weil er außerhalb von uns selbst ansetzt. Ja, dieses Gotteswort liegt nicht in uns, sodass wir in uns hineinhören müssten. Das Gotteswort von außen ist die Gute Nachricht, die uns anspricht, wenn wir die Bibel lesen, oder im Hauskreis uns darüber austauschen, oder im Gottesdienst auf das Evangelium hören. Und dieses Gotteswort von außen – wir könnten auch sagen von oben – will ganz tief eindringen in unser Herz und Wurzel schlagen und Früchte bringen. So stark ist Gottes heiliges Wort.

Darf ich schließen mit Luther, der nun weitergezogen ist, aber dessen Entdeckung uns hoffentlich weiter begleitet:

„Wer ist der Richter, durch den eine Frage zum Schlusse kommt, wenn die Aussprüche der Väter widereinander streiten? Denn hier muss man nach dem Richtspruch der Schrift das Urteil fällen, und das kann nicht geschehen, wo wir nicht den ersten Platz in allem, was den Vätern beigelegt wird, der Schrift geben, also dass sie selber durch sich selbst sei die allergewisseste, die leichtest zugängliche, die allerverständlichste, die, die sich selber auslegt, die alle Worte aller bewährt, urteilt und erleuchtet … Ich will, dass die Schrift Königin sei.              

            Amen.

 

Herausgeber:

Evang. Brüdergemeinde Korntal, Saalplatz 2, 70825 Korntal-Münchingen

Tel.: 07 11 / 83 98 78 - 0, Fax: 07 11 / 83 98 78 – 90;

E-Mail: Pfarramt@Bruedergemeinde-Korntal.de; Internet: www.Bruedergemeinde-Korntal.de