Von: Pfr. Jochen Hägele
01.01.2018 09:45

Thema: "Lebendig und quellfrisch."

(Neujahr - Jahreslosung) Offenbarung 21, 6 01/18


Liebe Gemeinde,

für alle, die nicht ganz so fließend auswendig lernen, ist das Jahreslos ein gutes Wort. Es gibt Bibelworte, die prägen sich nur schwer ein. Aber unser Wort ist anschaulich und plastisch. Durst! Leben! Wasser! Da entstehen vor unseren inneren Augen Bilder.

Die Jahreslosung 2018 ist ein Hauptsatz ohne Untergliederung. Hier wird Wesentliches auf den Punkt gebracht. Es ist zugleich ein Gottesspruch. Es fängt mit dem göttlichen ICH an. Alles, was danach kommt, bekommt erst dadurch sein Gewicht. Und, dieser Bibelvers steht in einem wunderbaren Zusammenhang: Siehe, ich mache alles neu (V. 5).

Der Weg durch die Offenbarung, durch 20 herausfordernde Kapitel ist zuweilen ein mühsamer Weg. Nicht jede Botschaft geht leicht ein. Aber dann schlägt Gott tatsächlich ein neues Kapitel auf. Wenn die Irrungen und Wirrungen dieser Welt, wenn die Heilsgeschichte mit all ihren Unheilstörungen ans Ziel, zur Vollendung, gekommen ist, dann schafft Gott Neues. Ein Ewigkeitslicht umstrahlt also diesen Gottesspruch.

Dieses eine Wort, dieser konzentrierte Satz beschreibt Gott und Welt. Bündiger geht es kaum noch.

Gott stellt sich uns vor, als einer, der Neues hervorbringt. Das gerade ist Markenzeichen unseres Gottes. Er handelt. Er spricht und es steht da. Er wirkt und die Welt verwandelt sich. Das ist die Botschaft. Gott wirkt, und wenn es in dieser Welt etwas wirklich Neues gibt, dann durch ihn. Wir Menschen dagegen können höchstens das Alte verwalten. Und zuweilen gelingt uns sogar das nicht wirklich.

Bleiben wir bei Gott und dem, was dieser Vers über ihn aussagt. 

„Ich will“, sagt Gott. Diese Ansage können wir zu leicht falsch verstehen. Ein Mensch will viel in seinem Leben. Und vor allem Kinder wollen ganz viel, haben Wünsche. Dummerweise passt das, was Kinder wollen, oft so gar nicht mit dem zusammen, was die Eltern für sie wollen. Aber das ist unsere, die menschliche Ebene. Wir schmieden Vorhaben, Planungen, Wünsche, Träume; offen, was draus wird.

Wenn Gott sagt „Ich will“, dann heißt das, ich werde. Seine Zukunft ist nicht mit dem Fragezeichen versehen, das unsere Zukunft bestimmt. Bei uns bleibt fraglich, ob es gelingt, was wir planen. Und gerade zum Beginn eines Neuen Jahres stehen viele offene Fragezeichen vor uns. Gott aber setzt hinter allem, was kommen wird, seine Ausrufezeichen. Ich werde! Gewiss! Er kann von der Zukunft sprechen, als ob sie bereits in der Vergangenheit geschehen ist. Das Jahreslos zeigt uns Erstaunliches, Wunderbares über Gott, sein Vermögen, seine Kraft.

Aber unser Wort zeigt auch die andere Seite. Es beschreibt uns Menschen. Wir sind bedürftig, wir haben Durst, uns treibt die Sehnsucht. Wir brauchen etwas, das wir uns selbst nicht geben können. Etwas, was auch nirgends in uns drin schlummert. Nein. Unser Los heißt, wir brauchen Erfüllung von außen. Luther hat darum zurecht gesagt: Wir sind Bettler. Wir Menschen sind im Inneren immer leer. Wohl uns, wenn uns diese Leere dazu bringt, dass wir Empfänger werden. Dass wir unsere bittende Hand öffnen und beten: Herr, fülle, erfülle du – nur du.

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst. – Von diesem lebendigen Wasser, das unter dem Vorzeichen steht: alles neu.

Wie wichtig Wasser ist, das wissen wir. Und dabei leben wir in einem Land, in dem das Wasser aus dem Hahn eines der Lebensmittel ist, das am besten kontrolliert wird. In anderen Ländern dagegen herrscht Wassernot. In einer Statistik habe ich nachgelesen, dass alle zwanzig Minuten auf unserm Globus ein Kind stirbt, weil es kein sauberes Wasser bekommt. Das ist dramatisch! Bewegt uns solch eine Nachricht?

Unser Wort spricht vom lebendigen Wasser, also vom himmlischen Wasser. Wir erfahren eine Bedarfsstillung, ein Sattwerden sonders gleichen. Gott gibt aus seiner Fülle zum Leben. Und wir brauchen aus seiner Fülle, damit wir leben. Damit sind die Rollen klar verteilt.

Das Problem entsteht dort, wo wir meinen, wir könnten uns das Lebenswasser selber organisieren. Als ob wir selbst wüssten, wo es dieses Wasser gibt.

Nein: „Lass dich nicht irreführen von vermeintlichen Sattmachern, von leichtfertigen Bedürfnisbefriedigern. Du Mensch, du erkennst den Durst nicht, wenn ich, dein Schöpfer, dir nicht aufzeige, was du wirklich brauchst.“

Hier spricht also der himmlische Arzt und Therapeut. Pass auf, dass du nicht nur genügend trinkst. Mensch, sieh zu, dass du das Richtige trinkst.

Das wirklich Sättigende ist das Gotteswort, das Gotteswasser. Der innerliche Durstlöscher ist die Anbetung Gottes. Es gibt kaum ein Buch in der Bibel, das so nachdrücklich von der Anbetung Gottes spricht wie die Offenbarung. Inmitten ihrer schweren und zuweilen drohenden Botschaft entfaltet die Offenbarung einen großen Lobgesang auf Gottes Größe. Und in jedem Kapitel wird die Frage gestellt und beantwortet: „Wer ist der Herr? Gott allein!“

Er ist der Herr seiner Gemeinde. Er ist der Herr in dieser Welt. Und du Mensch: Ist er auch dein Herr? 

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Alles steht bereit. Der Tisch ist quasi gedeckt. Jetzt ist die Zeit, den lebendigen Gott zu ehren, bei ihm zuzugreifen, bei ihm satt zu werden.

Die Jahreslosung sprengt unsere Vorstellungen und Gewohnheiten. Unsere Erziehung hat uns gelehrt nicht einfach zuzugreifen. Wir sind doch anständig und bescheiden. Wenn da der letzte Keks im Teller liegt, dann werde ich mich hüten, diesen zu nehmen. Wir sind vornehm zurückhaltend. Das mag menschlich ja alles in Ordnung sein! Ich würde mir auch meine Gedanken machen, wenn ein Gast bei mir selbständig den Kühlschrank öffnet und leerräumt.

Aber ahnen wir den Unterschied? Bei Gott ist Bescheidenheit fehl am Platz. Er will uns reichlich geben, und wir sollen bei ihm reichlich nehmen. Von wegen: ein bisschen, ein Stück, ein Schluck – reichlich gibt er lebendiges Wasser umsonst. Er schenkt voll ein (Ps 23,5).

Und da ist die andere Lektion, die es zu lernen gilt. Wir sind Rückerstatter. Wir sind erzogen, dass wir ausgleichen. Sich einfach etwas schenken lassen, das ist unendlich schwer. Manchmal entsteht sogar der Verdacht: Wenn mir jemand etwas schenkt, dann sollte ich mich irgendwie angemessen revanchieren. Oder ist sein Geschenk etwa eine billige Massenware, die keinen Wert hat?

Bei Gott treffen beide Vergleiche nicht zu. Er fordert keine Gegenleistung. Wir dürfen ungeniert zugreifen, wenn es um seine Gnade und seine Gaben geht.

Und die andere Gefahr gilt ebenso wenig. Was Gott uns schenkt, ist nicht Schleuderware oder Billigangebot. Nein, was er gibt, ist unendlich wertvoll, unbezahlbar.

 

Wenn wir in diesem Wort darauf hingewiesen werden, dass wir alle einen großen Lebensdurst haben, dann wird diese unsere Situation an einer Stelle unüberbietbar deutlich. Jesus selbst schreit nach dem Johannesevangelium, beim vorletzten Ruf am Kreuz hängend, „Mich dürstet!“ (Joh 19,28). Jesus ist ganz Mensch, ganz bedürftig, ganz Sünder. Er nimmt meinen Mangel auf sich und schreit ihn elendig heraus. Meine Hilflosigkeit, meinen Lebensdurst, meine Leere – er trägt sie.

 

Blicken wir auf das Ende dieses Verses, hin zum letzten Wort, an dem sich alles entscheidet. Gott schenkt uns Lebenswasser umsonst.

Wenn mir mein Vater die Armbanduhr seines Vaters schenkt, dann bewahre ich dieses Stück Familiengeschichte sehr sorgsam auf. Ich habe dieses Erinnerungsstück umsonst, also geschenkt, bekommen. Aber für mich hat es einen unbezahlbaren Wert, ist es doch ein Stück meiner Vorfahren. Keine Frage, dass diese Uhr einen Ehrenplatz bekommt. Und ich möchte sie später, wenn es an der Zeit ist, auch weitergeben an die nächste Generation.

So ist das mit dem Geschenk, dem Wassergeschenk Gottes. Es ist unbezahlbar, und zugleich verpflichtet es mich nachhaltig. Gottes Geschenk will in meinem Leben einen Ehrenplatz haben, ist ein Stück der „himmlischen Familientradition“. Fern von jeder Schleuderware; vielmehr eine teure und kostbare Gnadengabe. Darum liegt alles daran, dass ich Gottes Lebenswasser in Ehren halte. 

Wer mit solch einem kostbaren, lebendigen Wasser beschenkt ist, was macht der? Natürlich stillt er zuerst seinen eigenen Durst. Aber wenn er dann erkennt, dass es noch so viele andere Durstige neben ihm gibt, dann ist er lieblos, wenn er eine Entdeckung für sich behalten würde. Dürstende sagen den Ort der Quelle weiter an andere Bedürftige. Bettler informieren andere Bettler, wo sie satt geworden sind. Das ist der heilige Auftrag von Gemeinde und von jedem einzelnen Jesusnachfolger.

Unser Leben lässt sich vergleichen mit einer überfließenden Brunnenschale. Sie wird gefüllt mit dem Quellwasser, aber fließt dann beständig über in ein weiteres Bassin. Wasserträger, Wasserweitergeber sollen wir sein. Wasserträger wollen wir sein, weil die Welt rings um uns her verdorrt.  

 

Mich hat unsere Jahreslosung inspiriert, in der Bibel nach weiteren Quellenworten zu suchen. Und ich staune, wie viel sich da finden lässt. Dies könnte eine gute Aufgabe für unsere Hauskreise sein: Zusammentragen, welche Quellworte wir finden.

Hagar begegnet uns, jene am Leben verdurstete, von Menschen so tief enttäuschte Frau. Aber ihr verzagtes Leben nimmt an der Quelle eine Wendung (1Mo 16).

Wir beten in Psalm 36: „Bei dir ist die Quelle des Lebens.“ Hier wird die Haltung der Anbetung unterstrichen.

Wir gleichen in Psalm 42 dem nach Wasser lechzenden Hirsch. Der Durst lässt ihn schreien.

Und es geht weiter. Herrliche Verheißungen aus dem Jesajabuch. Gott eröffnet Ströme lebendigen Wassers. Er schafft Neues.

Aber hören wir auch auf die klagende Mahnung des Propheten Jeremia, Kapitel 2,13: Mein Volk verlässt mich, die lebendige Quelle (verachtet das göttliche Gnadenangebot), und gräbt sich stattdessen löchrige, rissige Zisternen, in denen sich nur Schmutzwasser sammelt.

Der andere große Prophet, Hesekiel, blickt aber voraus in eine gesegnete Zukunft. Es wird eine Zeit sein, da wird vom Tempel Wasser fließen. Ströme lebendigen Wassers. Von der Schwelle des Tempels nach Osten (Hes 47).

Und: Haben Sie die Schriftlesung noch im Ohr? Eine Wasserstelle mit einer Schlüsselbegegnung. Jene Samariterin zeigt uns den großen Lebensdurst von uns Menschen. Sie kommt zur falschen Zeit zum Brunnen und ihr fehlt es  an einem Schöpfeimer. So hilflos steht es auch um uns. Mit Jesus aber tritt der Lebensgeber überraschend auf und offenbart der Frau, wie es ungeschönt um sie steht. Aber er offenbart die Wahrheit so, dass diese Frau heil und satt wird.

Wenige Kapitel später verkündigt sich Jesus selbst als die Quelle, von der Lebensströme ausgehen bis in Ewigkeit. 

Der Kreis schließt sich, wenn wir festhalten, dass es kaum ein Buch in der Bibel gibt, in dem häufiger von der Quelle gesprochen wird, als in der Offenbarung. „Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst“ (Offb 22,17).  Gratis! Aus lauter gratia (=Gnade).

Liebe Gemeinde: Wir sind unendlich reich beschenkt, mit diesem Wort und durch unseren Herrn, der dieses Wort bezeugt. Beschenkt – und berufen, in der Anbetung vor ihm zu leben. Anbetung ist mehr als ein Musikstil. Anbetung ist Lebenshaltung.

Wir haben es unverdient gut. Ein ganzes Jahr lang, ein ganzes Leben lang, eine Ewigkeit lang bei Jesus satt und erfüllt. Halleluja!

Amen.

 

 

 

 

 

 

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